| Teil 1 - Nordirak – Ein Staat in einem nicht vorhandenen Staat |
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Ganz von Ängsten frei reist es sich nicht in den Irak. Der Staat im Mittelpunkt der Weltpolitik erzeugt ungebrochen die finsterste Wirklichkeit, was Menschen im Namen von Macht und höherer Gerechtigkeit anderen Menschen an Gewalt und Erniedrigung antun können. Der Tod, so die Bilder, die Tag für Tag um die Welt gehen, lauert an jeder Ecke, auf jedem Markt, auf der Straße, in der Schule, selbst in den Moscheen.
Der Flug nach Erbil im Nordirak geht nicht direkt über die Türkei. Die absurde Politik erlaubt keinen Überflug einer Maschine mit der Aufschrift „Kurdistan“. Stattdessen geht die Route über Zypern, Beirut, über den Luftraum von Bagdad, um von dort in den Korridor nach Norden einzulenken. Zivile Flugzeuge können aus Sicherheitsgründen nur nachts fliegen. Aus 10.000 Meter Höhe sehen wir über Bagdad nur vereinzelte markierte Lichter. Die Stadt ist dunkel.
Schon bald erreichen wir Erbil, die Hauptstadt der Kurden im Nordirak. Nun haben wir unter uns die weiten Lichterflecken im Häusermeer der 1.5 Mio. Einwohner zählenden 4000 Jahre alten Stadt. Die Boeing 737 der Kurdistan Airlines setzt ruhig auf der Landebahn des Airports von Erbil auf. Der Flugplatz erinnert an den Dortmunder Flugplatz, bevor der ausgebaut wurde. Noch ist er größeren Besucherzahlen nicht gewachsen. Nicht zu übersehen in der Halle und vor dem Eingangsbereich die bewaffneten Peshmergas. Sie gehören zu den kampferprobten und vollständig loyalen Truppen der kurdischen Regionalregierung, die hier in Erbil residiert. Die Autonome Republik Kurdistan ist ein föderativer Teil des Iraks. Doch vom Irak kaum eine Spur. Es wehen nur kurdische Fahnen, irakische Fahnen gibt es nicht mehr. Wir sind in den Nordirak gefahren, um gemeinsam mit unseren kurdischen Partnern Grundlagen für den Aufbau eines demokratischen Mediensystems zu schaffen. Die Region hat in den letzten 15 Jahren eine rasante wirtschaftliche Entwicklung durch gemacht. Zugleich wurden ein demokratisch verfasstes Parlament aufgebaut, ein zuverlässiges Rechtssystem geschaffen, gesellschaftliche Organisationen entwickelt, das Bildungssystem zivilisiert. Eine für den Nahen und Mittleren Osten beispiellose kulturelle Vielfalt ist entstanden. Aber richtige Tageszeitungen, freie und unabhängige Programme im Hörfunk und im Fernsehen gibt es noch nicht. Demokratie ohne solche Medien, das weiß hier jeder, der Verantwortung trägt, ist auf Dauer nicht denkbar. Wir sind Gäste des Ministerpräsidenten Nechirvan Barsani, dem Neffen des Präsidenten Massud Barsani. Barsanis gibt es in der Machtelite der Region viele. Sie kommen aus der großen Stammesfamilie des alten Peshmergakämpfers Mustafa Barsani. Viele Kurden sind stolz auf diesen Familienclan. Man lebt noch in den festen Beziehungen der großen Stämme. Als Problem zur Demokratisierung werden solche Familienverbindungen nicht gesehen. Die Barsanis sind eine mächtige Familienverbindung. Die Talabanis sind es auch. Ihr Familienoberhaupt, Dschalal Talabani sitzt als Staatspräsident des Iraks in Bagdad. „Das hier ist Kurdistan, nicht Irak,“ sagt unser freundlicher Begleiter aus dem Büro des Ministerpräsidenten am Eingang des Flughafens. Durch einen Sicherheitskorridor erreichen wir schon bald große Baustellen. Die Stadt wächst mit atemberaubender Geschwindigkeit von ihrer Peripherie dem Flughafen entgegen. Viele Bauunternehmer, so erfahren wir, kommen aus der Türkei und haben das Rennen gegen deutsche Anbieter gemacht, die man hier lieber sähe als die Türken. Aber Politik und Wirtschaft sind zweierlei. Auf den Baustellen arbeiten mehr Ausländer als Kurden. Zu den Ausländern gehören auch Araber aus den anderen Teilen des Iraks. Der arabische Teil des Iraks hat über Jahrzehnte die Kurden erniedrigt, drangsaliert und viele von ihnen getötet. Deshalb ist es verständlich, dass kein Kurde heute unter der alten irakischen Fahne der Unterdrücker leben will. Den Irak als gemeinsames staatliches Dach haben zu müssen, fällt vielen schwer. „Klar,“ meint Mustafa, unser Begleiter, „wir sind ein Teil im Irak, aber wir regieren uns selbst.“ Und als erahnte er unsere Frage, ob in seinem Staat nicht alle Iraker seien, fährt er fort: „Staatlich sind wir Iraker, nun ja. Aber die Irakis sind die Araber, die Sunniten und die Schiiten. Wir sind Kurden. Nie werden wir es wieder zulassen, dass die Araber über uns Kurden herrschen können.“ Jetzt kann es nach Jahrzehnten der Kämpfe, der kollektiven und persönlichen Katastrophen gelingen, sich selbst zu regieren und dabei noch so etwas wie eine demokratische Musterentwicklung in einer unstabilen und den Kurden wenig gewogenen Umgebung einzuleiten. Das Selbstbewusstsein der Kurden ist stark, wenn sie betonen, dass sie eine autonome Region in der irakischen Republik sind, frei und weitgehend unabhängig von Bagdad. Ihr Selbstbewusstsein stützt sich auf die Sicherheit in ihrem Land, und diese wird gewährleistet durch die etwa 150.000 Mann starke Peshmergaarmee. Ähnlich effektiv ist die Polizei organisiert, deren Zahl kaum zu ermitteln ist, da auch die vielen Taxifahrer als Hilfspolizisten in ein enges Kommunikationsnetz eingespannt sind. Mitglieder der irakischen Armee haben keinen Zutritt in den Nordirak. Für Araber aus den anderen Teilen des Staates ist es schwieriger als für einen Europäer, die Grenze in den Nordirak zu übertreten. Peshmerga und Polizei kontrollieren auch die Provinz Kirkuk. In ihr wird noch in diesem Jahr der nächste Akt der irakischen Metamorphose spielen. Im November soll in einem Referendum darüber entschieden werden, welcher Region sich die Kirkuker zuordnen wollen. In der Provinz leben neben einer kurdischen Mehrheit auch viele Turkmenen und Araber. Aus Kirkuk hatte Saddam Hussein hundertausende Kurden vertrieben. Er wollte die riesigen Ölfelder ungeteilt unter seiner Kontrolle. Nun strömen sie wieder in großen Scharen zurück und die angesiedelten Araber müssen ihren Tribut an die Rückkehrer zahlen. Das Ergebnis der Volksabstimmung scheint sicher. Man wird mit überwältigender Mehrheit für Kurdistan votieren, auch viele Turkmenen, Araber, Chaldäer und Assyrer in dieser multiethnischen Stadt, denen das Hemd, in einer wohlhabenden und freien Region leben zu können, näher sitzt als der Rock eines aus Bagdad regierten Staates, der die Sicherheit und das Wohlergehen seiner Bürger nicht mehr garantieren kann. Diplomatisch verklausuliert drückt es die Regionalregierung in Erbil aus, die soviel mächtiger und erfolgreicher ist als die Staatsregierung in Bagdad: „Das Tor zum Irak“ nennt sie die drei Provinzen ihres Territoriums Erbil, Suleimania und Dohuk. Gut vier Millionen Menschen wohnen in ihnen und äußeren ihr Interesse unverhohlen, dass dieses Tor vor allem gut verschlossen bleibt. Hintergrund Im August 2006 verkündete der Präsident der Autonomen Region Kurdistan Nordirak, Massud Barsani in einem Dekret, dass auf seinem Hoheitsgebiet nur noch die kurdische, nicht aber mehr die irakische Fahne gehisst werden darf. Die irakische Fahne, so seine Begründung, repräsentiere eine Vergangenheit voller Gewalt und Krieg gegen die Kurden und sei deshalb eine Verhöhnung für die vielen Toten, die dem früheren Diktator Saddam Hussein zum Opfer gefallen seien. Viele Politiker in den anderen Teilen des Iraks, vor allem in Bagdad widersprachen energisch diesem Alleingang. Das Dekret führte zu einem handfesten „Fahnenstreit“, der viele in ihrem Verdacht bestärkte, dass die Kurden keine Föderation sondern einen eigenen Staat wollen. Volksabstimmungen stehen in weiteren Provinzen des Nordens über den Anschluss an das Bundesland Kurdistan Nordirak an. Am wichtigsten wird das Referendum in dem Ölgebiet der Provinz Kirkuk sein, das im November dieses Jahres stattfinden wird. Gegen einen Anschluss votiert vor allem die Türkei. Das Wirtschaftswachstum in Kurdistan beträgt jährlich über 6 Prozent, eine horrende Erfolgsgeschichte gegenüber dem immer weiter zurück fallenden Restirak, das im letzten Jahr einen Einbruch der Wirtschaft von über 10 Prozent hinnehmen musste. Mit dem Öl unter den Böden träumen viele Kurden davon, aus ihrem Land eine Freihandelszone nach dem Vorbild von Dubai machen zu können. |







