| Teil 2 - Außerordentliche Persönlichkeiten |
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Er redet sehr wenig, aber sofort spürt man die Konzentration des Mannes. Er ist klein, fast ein wenig schmächtig, aber ein Energiebündel, dem – so scheint es – alles gelingen will. Mit unseren gesicherten Limousinen und freundlichen Begleitern fahren wir eine längere Strecke durch die Stadt Erbil, um ihn zu treffen. Wir fahren unter einem herrlichen blauen Himmel, und unsere Begleiter reden und erklären schneller als wir schauen und verstehen können. Kontraste. Ärmlich geduckte Häusersiedlungen an staubigen unasphaltierten Straßen wechseln mit verspielt orientalischen Märchenhäusern. Baustellen unermesslichen Ausmaßes liegen eingebettet in leer geräumten Arealen herunter gekommener Kasernen an supermodernen Schnellstraßen.
Unkoordiniert vieles, wie wir erfahren, und ausgebremst durch eine verbreite Lethargie, in der immer noch die Mentalität vorherrscht, alles sei durch den Staat zu regeln, auch die eigene Versorgung, so mangelhaft sie auch sein mag. Und Mustafa, unser Dolmetscher und ideenreicher Umweltschützer weist auf das kardinale Problem der Stadt hin: Das Grundwasser ist in den letzten 20 Jahren von 150 Meter auf 300 Meter Tiefe gesunken. Die Wüste kommt immer näher. „Es kann sein, dass die Stadt in 50 Jahren nicht mehr bewohnbar ist.“
Die Stadt ist überwiegend niedrig gebaut. Über den flachen Dächern, die oft als Auffangbecken für den Regen dienen, ragen unrhythmisch immer wieder die neuen, höheren Gebäude hervor. Unternehmen, deren Name weltweit jeder kennt, durchziehen die Stadt als Boten einer neuen Zeit. Investoren aus Bagdad verlegen zunehmend ihre Unternehmen in den Norden Iraks. Sie und die neuen Investoren aus Amerika, Asien und Europa veranstalten hier ein Kapital-Wettrüsten. Die Deutschen, so der Eindruck, haben den Nordirak noch nicht richtig entdeckt. Sie laufen Gefahr, einen lukrativen Marktaufbruch zu verschlafen. Von geordnetem und geplantem Bauen kann allerdings nicht geredet werden. Unkoordiniert und chaotisch treffen Straßenarbeiten und Häuserbau aufeinander. Dazwischen sieht man Ziegen und Schafe oder hört ihr Blöken aus irgendeinem Unterstand. Man überlässt den dynamischen Boom lieber den Ausländern. Warum, so fragen wir Mustafa, baut ihr nicht selber eure Stadt aus? „Das Grundübel der Kurden ist, dass sie nicht an regelmäßige Arbeit gewöhnt sind. Sie warten lieber ab, was in der Stadt geschaffen wird, als dass sie den Aufbau selber in die Hand nehmen.“ Diese Einschätzung hören wir immer wieder. Hussein hat vor allem die Handwerker und Facharbeiter vertrieben oder umgebracht. Und die fehlen jetzt in der Zeit eines unbeschreiblichen Baubooms. Die Armen, so der Eindruck, bleiben arm, und die Reichen der Stadt werden immer reicher. Wir fahren vorbei an „Dreamcity“, einem Stadtteil, in dem über 1000 Einfamilienhäuser gebaut werden, Schulen, Krankenhaus, Supermärkte und natürlich auch eine Moschee. Die Baustelle ist so große wie der entstehende Phönixsee in Dortmund, und die Häuser sind schon jetzt fast alle verkauft. Sie kosten ab 200.000 Dollar aufwärts, und man fragt sich, wer das bezahlen kann. Die Erbiler wohl eher nicht, die nebenan in ihren Häuschen wohnen, die in der Sonne wie vom Wüstensand gezeichnet aussehen. Aber es kommen viele Kurden zurück aus der Diaspora, aus Europa und aus Amerika. Sie kommen mit kulturellen und materiellen Ansprüchen, die das Land noch nicht erfüllen kann. Wir treffen Kak Badran Habeeb, der uns auf den Stufen seines neuen Gebäudes begrüßt, in dem er ein großes Medienunternehmen für Kurdistan aufbauen möchte. Bis vor Kurzem war er vor allem Buchverleger und hatte versucht, den Kurden in ihrer Sprache ihre Geschichte in Büchern näher zu bringen. 25 Mitarbeiter hatte er in seinem Verlag, den er im Auftrag der mächtigen KDP, der demokratischen Partei Kurdistans, zu managen hatte. Die Regierung schenkte ihm ein großes Grundstück in der Stadt, so groß, dass er das meiste davon für gutes Geld verkaufen konnte. Mit diesem Geld und reichlich Kredit von der Regierung hat er ein wunderbares Gebäude errichtet, hell, großzügig und ausgestattet mit Arbeitsplätzen, die in Europa ihres Gleichen suchen. Seine Mitarbeiterzahl hat er inzwischen auf über 140 erhöht, und er sucht dringend weitere Fachkräfte in seinem Land. Er lächelt verschmitzt, wenn er die Versorgungsmentalität der Bevölkerung anprangert, aber auf sein Erfolgsrezept verweist, dass jeder die ihm zugewiesene Arbeit erfüllen könne, wenn er die offensichtlichen Vorzüge dieser Arbeitsplätze schätzen gelernt habe. Er liebt junge Menschen, wie er sagt, vor allem wenn sie begreifen, dass man nicht fünfmal am Tag beten muss, und dass Frauen nicht ihre Ehre und Religiosität verlieren müssen, wenn sie ihre Haare und Gesichter nicht unnötig hinter Tüchern verstecken. Er hat ein Ziel, für das er arbeitet: Er möchte mit Zeitungen und Zeitschriften, mit Radio- und Fernsehprogrammen dazu beitragen, dass die neue Freiheit auch in die Köpfe der Kurden kommt. Er will unabhängige, professionell informierende, aber auch kritische Medien, mit denen eine neue, aufgeklärte Kultur in Kurdistan begründet wird. Er kommt aus einer gutbürgerlichen Familie in Erbil, war schon als Kind ein Bücherwurm. Er studierte Architektur und ging zu den Peshmergas in die Berge. Fast 40 Jahre lang gab es in der Region fast nur Kriege. Den Kämpfern, die vor allem aus den Bergdörfern kamen, erzählte er viele Geschichten, und bald entdeckte ihn der legendäre Peshmergaführer Mustafa Barsani und baute mit ihm eine eigene Propagandaabteilung auf. Daraus entstand in den 90er Jahren der ARAS-Verlag, in dem die kurdische demokratische Partei ihre Publikationen zusammen fasste, Bücher in kurdischer Sprache über die kurdische Geschichte, über die politischen Visionen eines eigenen Staates, über die vielen Bewegungen, die aus der Widerstandskultur entstanden waren. Kak Badran will nun das Versprechen der Politik umsetzen und unabhängige und freie Medien in Kurdistan aufbauen. Die neue Freiheit muss in den Köpfen der Menschen ankommen. Sie muss zu Leistungen motivieren, zum Mut, mit dieser Freiheit etwas anzufangen. Diese Vision verfolgt er mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Dafür schafft er die schönsten und die effektivsten Arbeitsplätze, die es in dieser Stadt wohl gibt. Wer, so seine Kalkulation, will hier nicht arbeiten und höchste Leistungen für eine aufgeklärte Kultur der Pressefreiheit bringen? Wir treffen noch eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die wohl zur Zeit bekannteste kurdische Schriftstellerin Mahabad Karadaghi. Der Ausstrahlung dieser schönen Frau kann sich keiner entziehen und noch weniger ihrem beherzten Mut, den Finger in die Wunden kurdischer Traditionen zu drücken, um Wege in eine aufgeklärtere Gesellschaft zu weisen. Sie schreibt über die tausenden jungen Frauen, die sich lieber verbrennen als den Diktaten patriachalischem Männerwahn unterworfen zu sein. Sie kritisiert das Wegducken vor der Justiz, in der die Gesetze oft weniger bedeuten als die Mauscheleien und Regelungspraktiken zwischen den Familienclans von Tätern und Opfern. Zwei Jahre saß sie in der frühen Husseinzeit im Gefängnis und wurde schwer gefoltert. Wieder entlassen setzte sie fort, was sie vorher begonnen hatte, anzuklagen und den Frauen zu sagen, dass sie sich wehren können. Erneut musste sie dafür zwei weitere Jahre ins Gefängnis. Doch das „System“ konnte sie nicht brechen. Mahabad setzt darauf, dass Meinungs- und Medienfreiheit vor allem auch den Frauen helfen wird. Die Freiheit, so lernen wir von ihr, ist heute vor allem weiblich. Und der Maßstab der Freiheit wird sein, wie sie eine Veränderung der Kultur bewirken wird, in der Frauen genauso frei sein sollen wie die Männer, die sie für sich beanspruchen. Hintergrund Es gibt im kurdischen Nordirak 671 Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehprogramme – auf dem Papier. Die Lizenzen erteilt das Innenministerium. Aber es gibt kein Gesetz, nach dem die garantierte Medienfreiheit tatsächlich funktionieren kann. Die Radio- und Fernsehsender sind fest in den Händen der Parteien KDP und PUK. Immerhin sind die Programme jetzt in kurdischer Sprache. Die Zeitungen erscheinen unregelmäßig, keine täglich. Auch sie werden von den beiden großen Parteien herausgegeben und finanziert. Von einer freien Presse kann weder ökonomisch noch publizistisch die Rede sein. Alle wollen diese Freiheit, aber alle tun sich schwer, ihre Macht in den Medien aufzugeben. Die Infrastruktur für die Verteilung von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern ist völlig unterentwickelt. Selbst in den Städten gibt es kaum Kioske oder Buchhand-lungen, von Abonnements ganz zu schweigen. Die Zeitungen sind nicht professionell. Einen klaren Informationsauftrag kennen sie nicht. Sie sehen eher wie Schülerzeitungen aus. Die Presse bringt es bei über 4 Millionen Einwohner gerade mal auf eine Auflagenhöhe von 40.000 Exemplaren. |







