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Was Sportler von Journalisten halten PDF Drucken

Was Journalisten über Sportler denken, ist ein mehr oder weniger offenes Geheimnis. In Meinungskästen, Live-Kommentaren und an TV-Stammtischen werden mit Vorliebe Denkmäler errichtet und wieder eingerissen. Wird etwas nicht gesagt oder geschrieben, dann zumeist aus Taktgefühl oder der Angst vor juristischen Konsequenzen. Doch was denken Sportler eigentlich über Journalisten? Die Studien von Michael Schaffrath (TU München) und Marcus Bölz (Schwäbische Zeitung) liefern erste Erkenntnisse.

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Dr. Michael Schaffrath
Obschon die Scheiß-Mist-Käse-Rede des Teamchefs Rudi Völler nach einem 0:0 der deutschen Nationalkicker gegen Island anno 2003 als das bislang berühmteste Dokument öffentlicher Journalistenschelte gilt – die Steilvorlage für Schaffraths Untersuchung lieferte Oliver Kahn. Drei Jahre vor dem Ausbruch des Völlerschen Vulkans hatte der Bayern-Torwart im Kicker geklagt: „In den Medien geht es fast nur noch darum, eine Geschichte zu verkaufen. Kaum jemand macht sich die Mühe, Tatsachen zu recherchieren.“

 

63 Leitfaden-Interviews geführt

 

„Dieses Zitat war der Ausgangspunkt für mich“, sagte Schaffrath, „ich wollte herausfinden, ob es sich hier nur um eine individuelle Wahrnehmung Kahns handelte oder um ein kollektives Problem der Fußballer. Und ob es Akteuren in anderen Sportarten ähnlich ergeht.“

Dementsprechend fiel das Untersuchungsdesign aus: Schaffrath führte zwischen 2001 und 2002 mit insgesamt 62 Akteuren (Spieler/Athleten, Trainer, Manager/Präsidenten) aus zehn Sportarten Leitfaden-Interviews, darunter Karl-Heinz Rummenigge, Ottmar Hitzfeld, Martin Schmitt, Stefan Kretzschmar und Anni Friesinger.

 

Aussagen werden verfälscht

 

Die ausgewählten Befunde, die Schaffrath in Dortmund präsentierte, stellen der deutschen Sportberichterstatter-Zunft ein mehr als durchwachsenes Zeugnis aus. Während in punkto journalistischer Kompetenz ein Drittel den Daumen senkten, waren es bei der Frage nach den (Interview-)Fragen sogar die Hälfte. Diese seien „schlecht“, „redundant“, „oberflächlich“ oder schlichtweg „katastrophal“, so das Verdikt der Branche, und provozierten geradezu stereotype oder ausweichende Antworten. Weiterhin beklagten die Sportakteure das Verfälschen oder Verschärfen von Aussagen zugunsten höherer Plakativität und stellten sich mehrheitlich auf die Seite Kahns und seinem Vorwurf der ungenügenden Rechercheleistung. „Manche Journalisten sind wie Märchenschreiber“, so etwa die Meinung eines Boxers. Ähnliches monieren die Befragten an der Doping-Berichterstattung. Diese halten sie zwar prinzipiell für notwendig, doch werde sie zu oft „oberflächlich“, „inkompetent“ und „heuchlerisch“ betrieben. Generell herrscht der Eindruck vor, die Journalisten konzentrierten sich nur auf wenige Sportarten und fällten zu schnell Vorverurteilungen.

Natürlich ist es ein Trugschluss zu glauben, ein Sportjournalist wüsste nach der Lektüre von Schaffraths Studie, wie der Gegenüber tickt. Aufgrund ihres Designs ist die Untersuchung nicht repräsentativ, sie aggregiert subjektive Wahrnehmungen. Zudem wird an mehreren Stellen deutlich, dass die Sportler, Trainer und Manager kein pauschales Urteil über die Journalisten fällen wollten, die Bewertung vielmehr personenabhängig ist.

 

Aus Fußballer werden Popstars

 

Die Studie von Marcus Bölz stellt im Vergleich zu Schaffrath zugleich eine Erweiterung wie eine Verengung dar. Bölz entschied sich für ein quantitatives Vorgehen, indem er Fragebögen erstellte und auswertete, und kam so zu verallgemeinerungsfähigeren Ergebnisse als Schaffrath. Andererseits widmete er sich nur dem Fußball und hier wiederum nur dem kickenden Personal: Bölz’ Stichprobe rekrutierte sich aus 59 Bundesliga- und 84 Zweitliga-Spielern, die er im Mai 2004 mit Unterstützung der DFL befragte.

Die Studie erlaubt fünf interessante Schussfolgerungen: Erstens bestätigt sie die Befunde Schaffraths. Auch Bölz’ Fußballer halten Sportjournalisten in der Mehrheit für „unfähig“, werfen ihnen eine zu hohe Erwartungshaltung vor und beklagen, dass sich die Berichterstattung zu sehr auf einzelne Spieler fokussiere. Sie sind der Meinung, überwiegend falsch zitiert worden zu sein, und fühlen sich durch die Berichterstattung zu „Popstars“ gemacht. Zweitens stehen Bundesligaprofis Journalisten und ihrer Arbeit deutlich kritischer gegenüber als Zweitligaspieler. Drittens spielen Alter, Nationalität und Bildung keine oder nur eine untergeordnete Rolle für die Bewertung der Journalisten. Viertens – und das überrascht auf den ersten Blick – vergeben die Fußballer die schlechtesten Durchschnittsnoten an Zeitungsjournalisten. „Da sind Boulevardblätter wie Bild und Express mit drin“, erklärte Bölz, „die hätte ich womöglich in eine extra Kategorie einordnen müssen.“ Und, nicht minder überraschend, die fünfte Schlussfolgerung: Fußballprofis haben ein gutes Verhältnis zu Journalisten. Ein Widerspruch? Nur scheinbar, meinte Bölz: „Die Fußballer wissen, dass die Journalisten dazugehören und dass sie ohne die Medien nicht so viel Geld verdienen würden. Deshalb nehmen die meisten von ihnen in Kauf, dass sie sich mitunter dumme Fragen anhören müssen.“

 

Hendrik Baumann