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Manche mögen’s bunt – Wie Jugendliche Gestaltungselemente der Zeitung beurteilen PDF Drucken

Sind Jugendliche für die Zeitung tatsächlich eine »verlorene Generation«? Angesichts der rückläufigen Zahlen jugendlicher Tageszeitungsleser bemühen sich die Zeitungen verstärkt um Lesernachwuchs. Mit Jugendseiten, Jugendbeilagen, frischerem Layout und Schulprojekten sollen wieder mehr Jugendliche an das Zeitung lesen herangeführt werden.

Denn nicht alle Jugendlichen sind Zeitungsmuffel, viele verbinden aber mit diesem Medium schwer verständliche Texte, die in erster Linie die Interessen der Erwachsenen bedienen. Dabei lassen sich Jugendliche durch ein entsprechendes Layout, Bilder, Grafiken und verständliche Texte durchaus zum Lesen verleiten. Welche verschiedenen Gestaltungs- und Darstellungselemente auf einer Zeitungsseite die Aufmerksamkeit der Zielgruppe erregen können, haben Journalistikstudierende in einem einjährigen Lehrforschungsprojekt genauer untersucht. Ziel dieses Projektes ist es, den Studierenden Einblick in die empirische Leserschaftsforschung zu geben. Von der Ausarbeitung der Fragestellung, Entwicklung des Testmaterials bis hin zur Dateneingabe und Interpretation durchlaufen sie unter Anleitung einen kompletten Forschungsprozess. Das bereitet nicht nur auf Studien- und Diplomarbeit vor, sondern hilft auch, die Ergebnisse der Leserschaftsforschung einzuordnen und die Qualität der angewandten Methoden zu beurteilen. Ein zusätzlicher Effekt dieser Projekte: Die Studierenden erzielen mit ihrer Forschungsarbeit durchaus interessante Ergebnisse für die Praxis. Um geeignete Gestaltungs- und Darstellungsmöglichkeiten für Jugendliche zu identifizieren, haben die Studierenden insgesamt 9 Testseiten entwickelt, die 1749 Jugendlichen aus 9. Klassen in einem Leseexperiment beurteilten. Hier die wichtigsten Ergebnisse:

Layout

Jugendliche mögen’s bunt! Das Projekt hat gezeigt, dass ein boulevardeskes Layout Jugendliche unabhängig von Geschlecht, Schulform oder Lesegewohnheiten anspricht. Besonders ansprechend wirken schräg gestellte Überschriften, Überlagerung von Text und grafischen Elementen sowie freigestellte Fotos – kurz: Layoutelemente, die Jugendzeitschriften entlehnt sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass das klassische Layout alle Jugendlichen abschreckt: Jugendliche, die regelmäßige die Tageszeitung lesen, schätzen gerade dieses »seriöse« Aussehen der Zeitung. Ob junge Rezipienten sich einen Artikel näher anschauen oder nicht, hängt stark vom Layout ab. Texte auf der Seite mit Jugendlayout wurden im Schnitt häufiger gelesen als auf der klassisch gestalteten Seite. Besonders auffällig war dieser Trend bei einem politischen Thema. Während dieser Text auf der klassischen Seite von knapp 26% der Jugendlichen (an)gelesen wurde, haben ihn 65% der Befragten auf der Seite mit dem jugendnahen Layout gelesen. Dabei wurde der Text gegenüber der klassischen Seite lediglich durch Zwischenüberschriften optisch gegliedert, inhaltlich aber nicht verändert. Diese Gliederung scheint sich jedoch auf das Leseverhalten ausgewirkt zu haben: Rund ein Drittel der Befragten haben den Text auf der Jugendseite nicht linear gelesen. Sie lasen nur einzelne Abschnitte. Allerdings sollte ein Text auch das halten, was das Layout verspricht – denn auf die Beurteilung eines Textes hat das Layout keinen Einfluss. Auf beiden Seitenvarianten erhielten die Texte ähnliche Durchschnittsnoten. Viele Jugendliche hatten sich jedoch von dem Text auf der boulevardesken Seite einen jugendlicheren Stil versprochen und waren vom »herkömmlich geschriebenen« Text etwas enttäuscht.

Bild, Comic und Fotomontage

Groß, knallig und originell – das würden sicher viele Jugendliche auf die Frage nach ihren Bilderwünschen in der Zeitung beantworten. Allerdings zeigt sich auch dieses mal wieder: Der ausschlaggebende Punkt ist das Motiv! Ein »starkes Bildmotiv« stellt den größten Blickanreiz dar. Erst danach spielen Faktoren wie Bildgröße, Farbe oder Bildschnitt eine Rolle. In dieser Studie wurde das Bild eines Kampfhundes verwendet – ein Motiv, das die Stichprobe polarisierte. Einige der Jugendlichen fanden das Bild sehr gut, andere empfanden es als abschreckend. Das Interesse am Thema hat es aber dennoch bei knapp zwei Drittel der Befragten geweckt. Dabei gab es die beste Durchschnittsnote für das klassisch geschnittene Zeitungsfoto, gefolgt vom Comic. Das freigestellte Bild wurde mit einer Durchschnittsnote von 3 benotet, die Fotomontage landete auf dem letzten Platz. Das freigestellte Foto wurde von den Jugendlichen vor allem aus zwei Gründen kritischer beurteilt als das herkömmliche Foto: Zum einen wurde die Lesbarkeit des Textes durch den Textfluss um das Bild herum vermindert, zum anderen wirkte der freigestellte Hundekopf bedrohlicher als auf dem Vergleichsfoto.

Infografik

Alles auf einen Blick - die Infografik ist ein aktiver Leseanreiz. Die Mehrheit der Leser in unserer Studie beachtete zuerst die Infografik und las danach den Text. Von den Befragten, die die Infografik beachtet haben, haben 90% den Text (an)gelesen. Die Befürchtung, die Infografik könne bei Jugendlichen die Textlektüre ersetzen, hat sich nicht bestätigt. Texte mit Infografik wurden sogar weiter gelesen als Vergleichstexte ohne Grafik.
Darstellungsformen

Menschen bevorzugen Menschliches in der Zeitung – diese Hypothese sollte durch die Gegenüberstellung von Interview und Bericht getestet werden. Dabei repräsentierte das Interview mit einem Jugendlichen stärker persönliche Sichtweisen und Empfindungen, der Bericht war stärker auf Fakten und Beschreibungen fokussiert. Die Darstellungsform hat in dieser Studie keine Auswirkung darauf, ob ein Text gelesen wird oder nicht. In den Text eingestiegen sind jeweils knapp 40% der Befragten bei beiden Darstellungsformen. Allerdings wurde das Interview etwas häufiger zu Ende gelesen als der Bericht.

Infotainment

Wer selten liest, liest vor allem das, was unterhaltsam ist. Diese Studie zeigt, dass ein unterhaltsam geschriebener Artikel lieber gelesen wird als ein klassisch geschriebener, verständlicher Artikel. Er wird auch eher gelesen als ein Artikel mit zusätzlichen Erklärungen. Als unterhaltende Textelemente wurden ein szenischer Einstieg, Personalisierung, konkrete Beispiele und Nennungen von Markennamen verwendet. Gerade Jugendliche, die selten oder nie die Zeitung lesen, wurden am meisten durch den unterhaltsamen Text angesprochen. Sie lasen diese Textversion häufiger zu Ende als die beiden anderen Textversionen. Infotainment kann also dabei helfen, Leser an einen Text zu binden. Allerdings darf Unterhaltung die Information nicht ersetzen, sondern sollte dabei helfen, sie besser zu vermitteln.
Fazit

Auch in dieser Studie zeigt sich, dass das entscheidende Element für die Zuwendung zu einem Artikel das Interesse am Thema ist. Klar: Wer liest schon, was er nicht wissen möchte? Aber lesen kann man einen Artikel auch nur dann, wenn man auf ihn aufmerksam wird, wenn etwas neugierig auf ihn macht. Dabei können gestalterische Merkmale unterstützen, wie beispielsweise ein ausgefallenes und farbiges Layout, auffällige Bildmotive oder gute Grafiken. Selbst Jugendliche, die einem Thema eher mäßiges Interesse entgegen bringen, lassen sich durch solche »Eye-Catcher« zum Lesen verleiten. Ob ein Artikel dann zu Ende gelesen wird, hängt auch von der journalistischen Aufbereitung eines Themas ab. Offenbar lassen sich Jugendliche durch verständliche und unterhaltsame Texte eher zum Weiterlesen anregen, als durch verständliche Texte ohne zusätzliche Leseanreize.
 
Karola Graf-Szczuka