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Sportwissenschaften und Sportjournalismus: Eine schwierige Zweierbeziehung? PDF Drucken
Sportwissenschaftler sind eine seltene Informationsquelle im Sportjournalismus. Warum? Der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Jörg Thiele hat sich auf Ursachenforschung begeben. Unter dem Titel „Wahrheitssuche im Journalismus – Sportwissenschaft als Erkenntnisquelle des Sportjournalismus?“ ist er in beiden Lagern fündig geworden.

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Sportwissenschaftler Prof. Jörg Thiele beim Vortrag.
Seine Erkenntnis, dass es in diesem Verhältnis grundsätzliche Probleme gebe, erläuterte Thiele anhand einer Analyse der Pressedokumentationen des Bundesinstituts für Sportwissenschaft: Demnach erschienen im Zeitraum vom 10.07. bis 23.07.2007, also während der Tour de France, in 15 analysierten überregionalen Tageszeitungen sowie den Wochenmagazinen Spiegel und Focus 128 Artikel zum Thema Doping. In 24 Beiträgen fand Thiele Hinweise auf eine sportwissenschaftliche Expertise. Deren Ausmaß habe jedoch variiert: Bei mehr als der Hälfte der Erwähnungen habe es sich um Zitate oder Verweise gehandelt, die in der Regel nicht mehr als ein oder zwei Sätze umfassten. Hinzu kämen elf Interviews mit Sportwissenschaftlern, darunter acht mit Sportmedizinern oder Dopingkontrolleuren. Drei Interviews ordnete Thiele dem Bereich der Sportsoziologie zu.

Komplexität bleibt auf der Strecke

Thiele vermied es, die Präsenz der Sportwissenschaften in der journalistischen Berichterstattung anhand dieser Studie als häufig oder selten zu bewerten. Er nutzte die Ergebnisse vielmehr dazu, grundsätzliche Unterschiede zwischen beiden Feldern hervorzuheben. So wies er auf die starke Nachfrage nach sportmedizinischer Expertise hin. Dies erklärte er unter anderem durch die einfache Veranschaulichung der Dopingverabreichung: „Wissenschaft zeichnet sich aus durch Komplexität und Reflexivität, Medien setzen demgegenüber im Normalfall auf Anschaulichkeit und Einfachheit. Weil Komplexität und Einfachheit nicht gut zusammen passen, bleibt in der medialen Präsentation die Komplexität häufig auf der Strecke.“ Dadurch kämen die differenziertesten Analysen zum Doping aus anderen sportwissenschaftlichen Disziplinen in den Medien nicht vor.

Versagen der Sportwissenschaft?

Des Weiteren betonte Thiele, dass das Thema Doping in den Sportwissenschaften eine untergeordnete Rolle einnehme, sich die Zahl der Experten also auf einige wenige Personen beschränke. In diesem Zusammenhang widersprach Thiele Prof. Dr. Helmut Digel, der den Sportwissenschaften in einem Zeitungsinterview Versagen in der Dopingbekämpfung vorgeworfen hatte: „Versagen der Sportwissenschaft? Ich glaube kaum. Gibt man das Stichwort „Doping“ in die neue Virtuelle Fachbibliothek Sportwissenschaft ein, erhält man etwa 5000 Treffer.“ Thiele räumte aber eine Zurückhaltung der Sportwissenschaften bei diesem Thema ein, rechtfertigte diese jedoch mit Statistiken:

„Bleibt man ganz nüchtern bei den offiziellen Zahlen der NADA, dann wird man konstatieren müssen, dass es kein Problem gibt. Im Jahr 2006 wurden bei 9.200 Kontrollen etwa 60 nachgewiesene Verstöße angezeigt, weniger als 1%. Bei 900 Epo-Kontrollen waren 0 Verstöße zu verzeichnen.“

Mangelnde Selbstdarstellung

Als weiteren Grund für die einseitige Rezeption der Sportwissenschaften in den Medien nannte Thiele fehlende mediale Kompetenz vieler Wissenschaftler. Hier mangele es an der Fähigkeit zur Selbst- und Sachdarstellung.

Zusätzlich verkompliziert werde die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Journalismus laut Thiele durch häufige Doppelfunktionen sowohl von Medien, als auch von Wissenschaftlern. Als Beispiele nannte er die ARD, die lange gleichzeitig als Berichterstatter der Tour de France und Sponsor des T-Mobile Teams auftrat, aber auch Wissenschaftler, die beispielsweise in beratender Funktion für Sportverbände tätig sind. Dies verringere die Transparenz des Handelns und führe zu Interessenkonflikten.

Abschließend appellierte Thiele an die Sportjournalisten: Zum einen ermahnte er sie, sich auf der Suche nach Experten nicht zu häufig an ehemalige Sportler zu wenden. Dadurch bestehe die Gefahr einer „klebrigen Nähe“, die die Unabhängigkeit des Journalismus gefährde. Außerdem forderte er sie zur fortwährenden Reflexivität auf.

Jan-Hendrik Meier