| Das große Schweigen |
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Es gibt sie – Sportjournalisten, die sich dem versagen, was Hans
Leyendecker als „klebrige Nähe“ beobachtet hat. Jens Weinreich gehört zu diesen
Aufrechten. Doch bei seiner Suche nach unabhängiger Expertise aus der
Sportwissenschaft findet der Sportchef der Berliner Zeitung eine Spezies, die
ebenfalls schmierige Fäden spinnt.
Verfangene Sportwissenschaftler
„Sportwissenschaftler machen sich zu Knechten und Mägden der Sportfunktionäre“, konstatiert Weinreich. Ein Satz seines Vortrags „Das große Schweigen: Vom Versagen der Sportwissenschaft“, dem auch Akteure aus dem System in der anschließenden Diskussion nicht widersprechen wollen. Angesichts der Verfangenheit von Wissenschaftlern in Sportverbänden werde ihm „schwarz vor Augen“, bestätigt Professor Claus Eurich, Kommunikationswissenschaftler von der TU Dortmund. Aus verschiedenen Disziplinen der Sportwissenschaften nennt Weinreich Beispiele für seine These. „Verurteilte Kinderschänder sind noch heute in Lohn und Brot“, prangert er Sportmediziner an, die bereits im DDR-Doping-System aktiv waren. Sportökonomen schreibt er „Zauberfähigkeiten“ zu, da diese „jede Olympia-Bewerbung so rechnen, dass sie sich rechnet.“ Weinreich erwähnt den öffentlichen Vortrag eines Sporthistorikers, der Francesco Conconi „in den Himmel“ lobt. Jenen Conconi, dessen Freispruch in zahlreichen Anklagepunkten die Neue Zürcher Zeitung 2003 als „Farce hinter verschlossenen Türen“ bezeichnet hatte.
Ansprechpartner Mangelware
Geeignete sportwissenschaftliche Ansprechpartner zu finden, gestaltet sich demnach für Sportjournalisten schwierig. Auch biete beispielsweise die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft nur ein enttäuschendes Seminar-Angebot an, sagt Weinreich. Texte in sportwissenschaftlichen Zeitungen „hinken dem Qualitäts-Journalismus im Grad der Erkenntnis hinterher“. Der Philosoph Gunter Gebauer wird zitiert: „Sportwissenschaftler sind an der Kritik des Sports nicht interessiert. Wenn sie sich einmischen in Aktualitäten, dann tun sie das auf der Seite der Sportverbände.“ So bleibt dem Zuhörer noch länger die mahnende Frage von Professor Eurich im Kopf: „Wo soll Reflexivität stattfinden, wenn nicht im System der Wissenschaft?“
Florian Lütticke |








