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Von Wirklichkeit und Funktionärswirklichkeit PDF Drucken
Die Welt, wie Journalisten sie sehen, hat oft wenig mit der Welt zu tun, wie Funktionäre sie sehen. In einem Workshop dokumentierte Thomas Hahn (Süddeutsche Zeitung) diese These anhand des Präsidenten des Deutschen Ski-Verbands, Alfons Hörmann, und dessen Verhandlungen über den neuen Fernsehvertrag.

 

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Thomas Hahn.
Anstoß für Hahn war eine Aussage Hörmanns in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen vom 29. Dezember 2007. Auf die Frage, was er sich für das neue Jahr wünsche, hatte der DSV-Präsident geantwortet: „Eine objektive Bewertung, was der Verband insgesamt leistet.“ Hörmann sah das Wirken des DSV und damit insbesondere sein eigenes also nicht unvoreingenommen beurteilt, und seine Kritik, das wurde an anderer Stelle deutlich, richtete sich erwartungsgemäß an die Medien. Was Hahn zu der Frage führte, ob Hörmanns Beobachtung zutreffend oder bloß das Ergebnis seiner subjektiven Auffassung war, wie denn der DSV zu bewerten sei. Dass Hahn eindeutig zum Letzteren tendiert, war von Beginn des Workshops an offensichtlich.

Panne beim DSV 

Seine Beweisführung stützte er auf die Pannen des DSV bei der Vergabe der Fernsehrechte für die Jahre 2007 bis 2010. Kurze Chronologie des Falls: Im November 2007 läuft der Vertrag des DSV mit RTL aus. Bereits im Mai hatte der DSV einen neuen Vertrag mit der Sportrechte-Agentur Infront geschlossen, ohne jedoch RTL davon in Kenntnis zu setzen, obwohl der bestehende Kontrakt dies vorsah. Beide Seiten sehen sich – überraschenderweise – juristisch im Recht, in der TV-Vermarktung des Ski-Weltcups herrscht Stillstand. Im Oktober berichten die Agenturen über Finanznöte des DSV, weil angesichts der unklaren Rechtslage die Fernseheinnahmen nicht gesichert seien. „Finanznot beim reichen DSV? Da musste bei den Verhandlungen was schief gelaufen sein“, formulierte Hahn seinen Verdacht.

Keine Zeit für juristischen Streit 

Am 19. Oktober, anlässlich der Einkleidung des DSV in Ingoldstadt, wird Hörmann von Journalisten zu dem Fall befragt. Er weist alle Schuld von sich und RTL zu, erinnert den Sender an dessen „moralische Verantwortung“. Das einzige Versäumnis, das er einräumt – RTL vom Infront-Vertrag nicht früher berichtet zu haben – ist zu diesem Zeitpunkt längst offenkundig. Anfang November kommt es zwar letztendlich zu einer Einigung zwischen dem DSV und RTL und dem Inkrafttreten des Infront-Vertrages – aber der Preis ist hoch: Verluste des DSV in Millionenhöhe, Weltcup-Veranstalter in finanzieller Bedrängnis, Verunsicherung bei Vereinen und Werbepartnern, Streit über eine Neuordnung des Wettkampfkalenders. Von mehreren Seiten ist der Vorwurf zu vernehmen, Hörmann habe sich bei den ersten Fernsehrechte-Verhandlungen seiner Amtszeit kaum dilettantischer verhalten können. Hahn: „Auch wenn der DSV juristisch im Recht gewesen sein mag – sein Fehler liegt darin, nicht erkannt zu haben, dass es für einen juristischen Streit weder Zeit noch Spielraum gab.

Mit einer ehrlichen und transparenten Kommunikationspolitik, so Hahn, hätte der DSV eine wichtige Grundlage für die von Hörmann vermisste objektive Beurteilung schaffen können. „Aber ich weiß nicht, wie das gehen soll, wenn man überhaupt nicht oder nicht konkret auf Fragen antwortet.“ Exemplarisch berichtete Hahn von 15 Interview-Fragen zum Fall RTL, die er Ende Oktober 2007 schriftlich, per E-Mail, an Hörmann übermittelt hatte. Eine Antwort erreichte ihn erst am letztmöglichen Tag, noch dazu eine halbe Stunde vor Redaktionsschluss. Sie fiel ausweichend, unzureichend und floskelhaft aus. Ein Schlaglicht auf den teils krassen Widerspruch zwischen Anspruch und Realität in der Öffentlichkeitsarbeit großer Verbände.

Autorisierung von Zitaten 

Hahns Ausführungen waren zusätzlich erhellend, indem sie Diskussionen über die Fragen der Autorisierung von Zitaten und den organisatorischen Kniffen eines Interviews anstießen. Ein Zuhörer gab zu bedenken, dass das schriftliche Übermitteln von Fragen keine Möglichkeit zum Nachfragen und Einhaken lasse. Hahn gab ihm Recht, begründete seine Entscheidung im Fall Hörmann allerdings mit der Praktikabilität: „Wenn ich die Antworten schriftlich habe, sind sie bereits autorisiert und ich kann sie ohne Rücksprache so auch verwenden.“ Die Autorisierungspraxis, so Hahn, empfinde er weniger als Gängelung sondern vielmehr als Absicherung für den Journalisten. „Eine Grenze ist aber dort erreicht, wo der Interviewte ganze Fragen umschreiben lassen will. Gerade im Fußball kommt das immer häufiger vor.“ Ein anderer Zuhörer meinte, Hahn hätte die arg späte Übermittlung der Antwort des DSV durch das Setzen eines „Ultimatums“ verhindern können. Dem wollte sich Hahn nur bedingt anschließen, „immerhin sind wir auf die Leute angewiesen.“ Wann das Setzen von Fristen opportun erscheint, hänge von der Dringlichkeit des Themas und dem Verhältnis zum Interviewpartner ab.

Hendrik Baumann