| Teil 3 - Zeichen der Zukunft unter den Schatten der Vergangenheit |
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Falakaddin Kakai ist ein Philosoph, ein Intellektueller. Man würde ihn als Skeptizist einordnen. Er ist Kultusminister. Sein Gesicht ist stets sehr ernst und verschlossen. Mitten im Gespräch mit uns wird ihm ein Zettel zugeschoben. Sein Gesicht hellt sich auf. Er lächelt und teilt uns mit: In Erbil wird ein Goethe-Institut eingerichtet.
Diese Nachricht verbreitet sich in kurzer Zeit wie ein Lauffeuer. Sie wird als Anerkennung der kurdischen Kultur und als Bestätigung der staatlichen Souveränität Kurdistans überschwänglich gefeiert. Innerhalb von 24 Stunden entschied die kurdische Regierung, für das Goethe-Institut einen Palast auf der 4000 Jahre Alten Zitadelle zu sanieren und frei zu geben. Man möchte diese Geste als Gegengeschenk an die Deutschen verstanden wissen. Kulturpolitik in Kurdistan ist vor allem auch Außenpolitik. Der bundesstaatliche Aktionsrahmen ist zwar durch die Grenzen des Iraks gesteckt. Aber die kurdische Kultur bezieht alle Kurden ein, die in ihrer Mehrheit in den Nachbarländern Türkei, Iran und Syrien wohnen. Eine gegenwärtige Standortbestimmung der Kurden kann nicht gelingen, wenn man nicht stets die fürchterlichen Jahrzehnte der Vergangenheit im Blick behält. Der Krieg gegen Hussein erfüllt die Kurden mit Stolz. Ihr Beitrag zum Sturz des Regimes war militärisch effektiv und psychologisch von befreiender Wirkung. Die Kurden sind die eindeutigen Sieger des Krieges und der Geschichte danach. Gegenwärtiger aber ist Krieg in den Herzen und Köpfen der Kurden eine vierzigjährige Leidensgeschichte, die ihre Spuren tief in fast jede Biografie der heute lebenden Menschen gegraben hat. Das anfangs auskömmliche Zusammenleben mit den Arabern im Irak bis Anfang der 60er Jahre mündete in einem 30 Jahre dauernden Desaster der Diskriminierungen, Verschleppungen, Ausrottungen der Kurden und der Zerstörungen ihrer Siedlungsgebiete durch die arabischen Iraker des Baath-Regimes. Vor allem in den Bergen formte sich der militärische Widerstand. Die Peshmergas, zunächst lockere, dezentral agierende Verbände, wuchsen mit der Zeit zu einer immer schlagkräftigeren Armee zusammen. Sie kämpfte nicht nur aus dem Untergrund heraus, sondern wurde zunehmend auch Ordnungsmacht in dem ständig attackierten Kurdengebiet des Nordiraks. Saddam Hussein versuchte in dem langen Krieg gegen den Iran in den siebziger Jahren einen breiten militärischen Aufmarschkorridor im Norden zu schlagen. Dabei wollte er den so gehassten Kurden jede Lebensgrundlage entziehen und vor allem verhindern, dass sie je wieder als Partisanen seine Machtansprüche untergraben können. In einer etwa 7o Kilometer breiten Schneise durch die Berggebiete vernichtete er alles, was an Dörfern und kleinen Städten in Jahrhunderten gewachsen war. 5000 Dörfer wurden buchstäblich dem Boden gleich gemacht. Die Einwohner wurden ermordet oder vertrieben. Viele Kurden, vor allem aus den vermögenden und gebildeten Schichten flohen ins Ausland. Besonders bevorzugtes Flüchtlingsland wurde Deutschland. Von dieser Zerstörung hatte sich das Land kaum erholen können, zumal es mit einer strikten Arabisierung der kurdischen Städte verbunden war. Aber es kam Ende der 80er Jahre noch schlimmer. 1988 startete Hussein die Operation „Anfal“. In einer beispiellosen Aktion eines geplanten Völkermordes starben innerhalb eines halben Jahres mehr als 200.000 Kurden. Sie alle sind namentlich registriert, erschossen, erschlagen, erstochen, vergiftet oder in der Wüste verhungert und verdurstet. Immer noch werden Massengräber geöffnet. Nicht nur symbolisches Fanal wurde der Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha am 16. April 1988. Fast 5000 Menschen kamen dabei auf grausame Weise ums Leben. Nach dem zweiten Golfkrieg drohte den Kurden die Fortsetzung ihrer Ausrottung unter Saddam Hussein. Auf Initiative von England und Frankreich, später auch den USA wurde eine „Kurdenschutzzone“ errichtet, etwa so groß wie die Schweiz, aber ohne die „heilige Stadt der Kurden“, Kirkuk. Sie durfte nicht mehr von irakischen Flugzeugen überflogen werden. Die irakische Armee musste alle Einrichtungen in dieser Zone verlassen. Die zum Teil erbitterte Feindschaft zwischen den regional herrschenden beiden großen Parteien konnte im Zuge des langsam beginnenden Demokratisierungsprozesses nur langsam überwunden werden. Immerhin gelang 1992 – mit großer organisatorischer Unterstützung aus Nordrhein-Westfalen – die Wahl eines Parlaments. Nach jahrelangen Kämpfen zwischen den kurdischen Parteien gelang eine Aussöhnung zwischen den Parteien und die Verpflichtung auf die konsequente Fortsetzung der Demokratisierung schließlich im Jahre 1998. Auch für diese Aussöhnung spielte ein Nordrhein-Westfale eine wichtige Rolle: der damalige Innenminister Herbert Schnoor. Vierzig Jahre lang war die Bevölkerung gezwungen, ihre militärische Selbstbehauptung zu sichern. Jetzt sieht es die kurdische Regionalregierung des Bundeslandes Nordirak als ihre größte Leistung an, diesen Teil des desaströsen Staates Irak sicher zu halten und den Menschen weitgehende freie Bewegung zu garantieren. Die männliche Bevölkerung wird durch dieses Sicherheitskonzept in großen Teilen gebunden. Das mag erklären, warum es so schwer fällt, die Kurden auf die vielen Baustellen zu schicken, die es überall gibt. Die Arbeit machen dort „Gastarbeiter“, bewacht von den Kurden. Die Situation ist paradox: Menschen ohne Arbeit gibt es genug. Aber für die Arbeit, die es gibt, muss man sich Kräfte aus der Fremde holen. Der Kultusminister hat Recht: Die Freiheit, die alle wollen, kann nur erreicht werden, wenn sie in den Köpfen der Menschen ankommt und eine neue Mentalität erzeugt. Noch beherrscht den Alltag die alte Mentalität, die beeindruckend Sicherheit zu garantieren versteht, weil es das höchste Bestreben eines jeden Menschen ist, zu dieser Sicherheit beitragen zu können. Das mag im Augenblick noch notwendig sein. Aber die internationale Politik muss dazu beitragen, dass sich in diesem Land andere Ziele für ein sinnvolles Leben durchsetzen können. Die Einrichtung des Goethe-Instituts ist auf diesem Weg ein hoffnungsvoller Schritt. Hintergrund Die Kurden sind ein Volk mit eigenen Sprachen und einer langen Geschichte voller Helden und Mythen. Aufgrund strategischer Ziele der britischen und französischen Kolonialmächte und aufgrund der nationalen Machtpolitik der Türkei hatten die Kurden nie eine Chance der eigenen Staatsbildung. Die großen Siedlungsräume liegen im Nordirak und in der Osttürkei. Aber auch Provinzen im nordwestlichen Iran und im nordöstlichen Syrien bewohnen überwiegend Kurden. Weltweit bezeichnen sich 25 bis 30 Millionen Menschen als Kurden, eine der größten ethnischen Gruppen ohne eigenen Staat. |







