| Teil 4 - Aus Deutschland zurück in Kurdistan |
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Deutsch ist im Nordirak viel zu hören, und viele Kurden sind aus Deutschland in ihre Heimat zurückgekehrt. In der innerdeutschen Migrationsdebatte fehlt die Rechnung, was für hervorragende Botschafter für Deutschland in dieses Land zurück gekehrt sind, und wie sie sich mit den Erfahrungen aus ihrem interkulturellen Wanderleben als Erneuerer bewähren. Dafür gedankt hat ihnen in Deutschland noch nie jemand. Eigentlich müsste ihnen ein Denkmal errichtet werden.
Vor allem in den „Eliten“ findet man viele, die mit der deutschen Sprache ihre Kompetenzen erworben haben. Sie verdanken, das sagen alle, Deutschland viel. Aber Deutschland verdankt, wie wir jeden Tag erfahren können, auch sehr viel. Sie sitzen in den Ministerien, leiten Institute und Ministerien, verwalten die größte Stadt des Landes und konfrontieren die Gesellschaft mit ihrem Geist der Aufklärung. Nihad Qoja zum Beispiel ist Oberstadtdirektor in Erbil. Er bringt im buchstäblichen Sinne des Wortes Sauberkeit, Ordnung und Disziplin in die Stadt. Ein Preuße in Erbil, ein Rheinländer der Konversation und ein Kurde voller Stolz und Herzlichkeit. Erfolgreich geht er gegen die Korruption an, wird gefürchtet und geachtet zugleich, aber erfreut sich eines immensen Rückhalts in der Bevölkerung. Er verkörpert das neue Kurdistan, effektiv und der Welt aufgeschlossen. Seine Frau und die Kinder wohnen noch in Bonn. Ihm käme es nie in den Sinn, seine deutsche Vergangenheit zu verbergen. Lange habe ich mit Rozha Mochtar gesprochen. Sie studiert in Erbil Architektur. Ihr Vater ist Vizepräsdient der Salladin-Universität und Genetikprofessor. Lange hat er in Essen an der Universität gearbeitet. Die Mutter ist Lehrerin und hat in Deutschland Chemie studiert. Nun unterrichtet sie an einer internationalen Schule. Rozha hat einen jüngeren Bruder Raned. Seine Geburt hat ihr Leben bis heute geprägt. Nach dem Golfkrieg war in Erbil dank der fürchterlichen Rasereien der irakischen Armee 1991 das vollständige Chaos ausgebrochen. Zur Geburt des Jungen schaffte es die Mutter gerade noch ins Krankenhaus. Dort muss sie mit Allem alleine zurecht kommen. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, das Pflegepersonal ist verschwunden. Acht Tage später geht die Familie in einem kleinen Wagen mit 8 Personen und dem Baby auf die Flucht in den Iran. Es wird eine schlimme Fahrt für Rozha. Sie sieht, wie vor Hunger und Durst andere Frauen ihre kleinen Kinder umbringen. Sie hört die verzweifelten Schreie der Mütter und sie quält sich mit der Familie über eine Woche lang zu Fuß durch Schlamm und Regen. Übernachtungsplätze gibt es nicht. Bis heute bedrängen sie diese Bilder aus der frühen Kindheit. 1995 folgen die Mutter und die drei Kinder ihrem Vater, der ein Jahr früher nach Deutschland geflohen war. Sie kommen nach Bochum ins Ruhrgebiet. Elf Jahre bleiben sie dort, und Rozha weiß, das diese Zeit für sie immer die Zeit ihrer deutschen Heimat sein wird. Sie meint, dass sie in ihrer Kindheit „viele Engel“ begleitet haben. Pfarrer waren dabei und verständnisvolle sie fördernde Lehrerinnen. Die Ankunft in Bochum war im Dezember. Weihnachtsglanz und Schnee waren die ersten Eindrücke der Stadt. Wir waren, so ist sie sich noch heute sicher, im Paradies, im Land der Träume angekommen. Sie hat in Deutschland einen fast unbändigen Willen entwickelt, gegen alle Widerstände ein Ziel nach dem anderen zu erreichen. „Ich habe um meine Bildung gekämpft, das habe ich in Deutschland gelernt.“ Ausländerkinder kommen auf die Hauptschule. Diese Regel haben selbst die Eltern akzeptiert. Aber sie wussten nicht, dass es für Ausländerkinder kaum eine Möglichkeit gibt, selbst als beste Absolventin der Hauptschule in eine höhere Schule zu kommen. Wieder fand sie einen „Engel“ in der Gestalt eines Direktors, der ihr weiterhalf. Rozha schafft die Oberstufe und fügt sich immer stärker ein in das Leben und in die Gewohnheiten ihrer deutschen Mitschülerinnen. „Ausländer haben es schwer in deutschen Schulen.“ Diese bittere Erfahrung muss sie immer wieder machen. Ihre beste Freundin ist die Afghanin Heela Mangal, die der Talibandiktatur entflohen war. Mit ihr lernt sie zusammen. Gemeinsam erobern sie sich Anerkennung ihrer Mitschüler und Lehrer. „Keiner konnte wie wir stundenlang Gedichte von Goethe auswändig deklamieren, die kein deutscher Schüler lernen wollte.“ 2006 machte sie in Bochum ein hervorragendes Abitur. Der Vater war schon zwei Jahre früher nach Kurdistan zurück gegangen, um die Universität in Erbil aufzubauen. Wochenlang debattieren die Mutter und die Kinder, was aus ihnen werden solle. Rozha hatte bereits einen Studienplatz für Architektur an der Universität Dortmund erhalten. Die Entscheidung war schwer, aber eindeutig: Wir kehren zurück in unser Land, aus dem wir herkommen. „Warum wir so entschieden haben, kann ich nicht erklären. Es musste für mich eben so sein.“ Die Rückkehr war zunächst schockierend. Eine andere Welt, eine andere Kultur, völlig andere Erwartungen an mein Verhalten als Frau. „Alleine ohne meinen Bruder hätte ich nicht zu diesem Gespräch kommen können.“ Aber sie verstellt sich nicht. Sie läuft weiterhin wie eine „Europäerin“ durch die Stadt, ist überzeugt, dass sie weiter für ihre Bildung kämpfen muss, damit sie Akzeptanz findet, damit Frauen das Land und seine Menschen verändern können. Und sie ist dankbar, wieder mit der ganzen Familie zusammen sein zu können. „Dieses Land,“ so ist sie sich sicher, „braucht mich mehr,“ wenn auch alle ihre Lebenssinne durch Deutschland geprägt sind. Sie ist überzeugt, dass die Rückkehrer als „europäische Fremdkörper“ dem neuen Kurdistan gut tun. Wie Rozha gibt es viele Kurden aus Deutschland, die wir kennen gelernt haben, die dazu beitragen, dass die Menschen in diesem Land offener werden, um mit ihrer Freiheit noch mehr anfangen zu können. |







