| Teil 5 - in den Dörfern des wilden Kurdistan |
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„Die Bergwelt ist die Herzkammer von Kurdistan.“ Damit beginnt Hasan Sinimillioglu, Wssenschaftler der Raumplanung in der Universität Dortmund, unsere Reise in eine auf dieser Welt wohl einmalige Naturlandschaft. Hasan hat in den neunziger Jahren mit seinen Mitarbeitern aus dem Verein „Dortmunder helfen Kurden“ am Wiederaufbau der völlig zerstörten Dörfer in dieser Region mitgearbeitet. Sie war stets das Rückzugsgebiet der Kurden, wenn sie angegriffen wurden. Sie ist aber auch die Bewahrerin des Widerstands und hat in den Jahrzehnten der Kämpfe stets die Zerstörungswut anderer herausgefordert. Die Fahrt geht aus der Ebene nach Norden zunächst nach Salladin, eine von der Natur begnadete Stadt auf einem Bergrücken vor dem gewaltigen Gebirge. Dort liegt die Residenz der Barsanis, die früher als Scheichs über die Dörfer in den Bergen herrschte. Barsan heißt denn auch das kleine Städtchen, das mitten im Gebirge in einem breiten Tal liegt und das Grabmal des als Nationalheld verehrten Mustafa Barsani berherbergt. Es gibt sie noch, die klassische Stammesgesellschaft. In ihr ist alles durch Zugehörigkeit in einem Stamm geregelt. In ihr herrschen eherne Hierarchien, in denen zugewiesene Rollen und Aufgaben das Leben bestimmen – wie in einer großen Familie. Patriarchaische Fürsorge für alle Angehören der Dörfer, die zu dem Stammesgebiet gehören und vollständige Loyalität gegenüber dem Ranghöheren, schließlich dem Stammeschef selber sind die Voraussetzungen gewesen, wie Barsani und seine Peschmergar in den kriegerischen Zeiten des Widerstandes bis zum Ende des letzten Jahrhunderts zusammen gewachsen waren. Tatsächlich kann man, wenn man in die immer steileren Berge aufsteigt, sehr schnell mit den Augen erfassen, was Zerstörungswut in diesem Bergland bedeutet. Vor allem raste die irakische Armee gegen die Kurden, die in den einfachen Bauerndörfern wohnte. Aus ihnen kamen die Kämpfer, die sich Barsanis Widerstand anschlossen, und sie sollten systematisch vernichtet werden. Aber auch die türkische Armee nutzte jede Gelegenheit, über die Grenze zu maschieren und in die Dörfer einzufallen. Auch die kurdische PKK suchte ihren ideologischen Machtanspruch mit grausamen Zerstörungen durchzusetzen. Und wäre das noch nicht genug, kämpften in den Bergen auch noch die kurdischen Großorganisationen KDP und PUK unerbittlich gegeneinander. Bomben, Waffen, Sprengstoff, Gift und Feuer waren stets die Instrumente, mit denen die Kämpfe ausgetragen wurden. Von 1975 bis 1996 dauerten bei wechselnden Beteiligten die Angriffe. 400.000 Menschen verloren das Leben, weitere Hunderttausende wurden deportiert, flohen. Über 4000 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, die wenigen Wälder wurden verbrannt, die Erde vergiftet, ein Paradies zur Hölle gemacht. Die Dörfer liegen an Flusstälern oder hängen wie Nester eng geduckt in den Bergen. Knapp die Hälfte ist wieder aufgebaut. Arm sind die Dörfer noch heute, ihre Häuser einfach gebaut. Der Boden ist nur schwer zu bewirtschaften. Schafe gibt es, Ziegen und Kühe und nur im geringen Umfang ist die Landbebauung möglich. Nach den Zerstörungen wurden Sammeldörfer eingerichtet, im Volksmund KZ genannt. Dort pferchte man die vertriebene Bevölkerung zusammen, ohne ihnen irgendeine Arbeitschance zu geben. Stolze Bauernfamilien waren zu armseligen Almosenempfängern degradiert. Weiter oben dann die „Witwendörfer“. Zu ihnen geht es hoch durch Schluchten von grandioser Schroffheit. „Das wilde Kurdistan“ – hier ist es. Nach oben ragen steile, langgezogene Bergketten, auf den Spitzen schneebedeckt. Je weiter man in den Norden kommt, desto enger, schroffer wird die Landschaft. Tiefe Canons zerschneiden die Bergrücken. Auf den kargen Hängen ziehen die Schafe. Bäume gibt es kaum noch. Sie wurden wie die Menschen ausgerottet. Die Hänge erodieren immer mehr. Feuer und Gift der Irakarmee haben eine Landschaft erzeugt, die den Betrachter vor Staunen sprachlos macht, so schön erscheint sie. Aber zugleich ist diese Schönheit verräterisch und fatal. Sie ist getränkt mit Blut und Gift einer immer noch jungen Vergangenheit. Einige der Dörfer an den Bächen und Hängen im hohen Norden sind wieder aufgebaut. In sie sind die Verjagten und Vertriebenen in Teilen wieder zurück gekehrt. Es waren aber fast nur Frauen und Kinder. Diese Dörfer heißen Witwendörfer. Hasan Siniemillioglu kennt sie und ihre Geschichten, als wäre er ein Teil von ihnen. Mit ihm besuchen wir ein Dorf, in dem er mit den Rückkehrern gearbeitet hat. Arm sind sie noch immer, aber sie haben es gelernt, dass ein einfaches Haus, etwas Saatgut, eine Kuh und ein Schaf die Existenz wieder begründen können. Hasans Ansatz war von der Überlegung getragen, wie kann in den Bergen das Leben und die Arbeit wieder aufgebaut werden, nachdem durch die Zerstörungen und Vernichtungen praktisch die gesamte kurdische Bauernschaft ausgelöscht war. Übrig geblieben waren die Witwen mit ihren Kindern. Ganz im Norden dann nach stundenlangen Fahrten über die Pässe gelangen wir nach Amadia, eine jahrtausend alte Stadt. Auf einem hohen Felsplateau liegt sie wie ein Pilz. Durch ein wunderbares Stadttor schlängelt sich die Straße hoch in die Stadt. Wir sind die einzigen „Fremden“, nun allerdings vermehrt um viele Freunde aus der Universität Dohuk. Hier lässt es sich leben, ohne zu arbeiten. Mag sein, dass der Himmel hier schon ganz nahe ist, wenn man aus der Hölle der Dörfer in Kurdistan kommt. Was wäre, gäbe es eine solche Stadt in einem solchen Ambiente irgendwo in Europa? Doch von einem Hotel, von Restaurants, von Freizeitsport oder von sonstigen Vergnügungen des Tourismus gibt es keine Spur. Der Frieden ist hier. Hier kann man ihn ganz nahe erleben.
Hintergrund
Seit 1991 leistet der Verein „Dortmunder helfen Kurden“ Wideraufbauhilfe in Kurdistan, wo zwischen 1975 und 1988 vornehmlich durch die irakische Armee von Saddam Hussein über 4000 Dörfer zerstört und entvölkert worden waren. Die Dortmunder unterstützen die Frauen – und später auch die jungen Bauern – beim Wiederaufbau ihrer einfachen Häuser, bei der Beschaffung von Vieh und Saatgut, beim Anpflanzen von Obstbäumen, bei der Erneuerung der zerstören Quellen und vergifteten Brunnen. Auch Schulen wurden gebaut und Ambulanzen errichtet und unterstützt.
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