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Teil 6 - Sulaymaniya – Brücken nach Europa PDF Drucken

Auch Sulaymaniya, die zweitgrößte Stadt im Nordirak-Kurdistan, ist voller Baustellen. Die Stadt wächst gewaltig. Knapp 200.000 Einwohnern waren es vor acht Jahren. Heute wohnen hier an die 800.000. Viele Kurden kehren aus allen möglichen Ländern zurück, auch aus Deutschland. In den letzten Monaten sind etwa 100.000 Araber vornehmlich aus Bagdad hierher geflohen. Ressentements sind nicht zu spüren, zu Ausschreitungen ist es nicht gekommen.

„Wir leben nicht mehr in der Hölle, aber wir leiden mit ihnen, die aus Bagdad kommen.“ Unser Begleiter Herisch Reza, der an der Universität Journalisten ausbildet, ist selber kurdischer Rückkehrer. Die Stadt gewährt den Flüchtlingen umfangreiche, den Haushalt der Stadt stark belastende Hilfen. Die Bewohner wollen eine solche Unterstützung. Mit Herisch drängen wir uns über den lauten, engen und mit Menschen überfüllten Basar. Aus Bagdad wissen wir, dass gerade die unüberschaubaren Märkte immer wieder Orte für die Bombenanschläge sind. Hier oben ist dergleichen nie passiert. Herisch führt zwei Gründe an: Zum einen ist das Sicherheitsnetz an Beobachtern in oder ohne Uniform zu dicht, nahezu perfekt. Zum anderen ist der Islam ohne politische Basis. Er kann sich kaum in das öffentliche Leben einmischen. Islamistische Gruppen erhalten bei den Wahlen weniger als 10 Prozent.

Vor der Universität im Herzen der Stadt werden wir Zeugen einer großen Studentendemonstration. Die pädagogische Fakultät ist seit drei Wochen besetzt. Tausende skandieren laut Parolen und fordern auf bunten Transparenten bessere Studienbedingungen, bessere Lehrer, bessere Unterrichtsmatierialien. Sie machen von der Demokratie Gebrauch. Die Stadt wirkt offener, bunter, westlicher als Erbil. Es gibt viele Cafés. In ihnen sitzen auch zahlreiche Frauen, meistens ohne Kopfbedeckung. In den Restaurants gibt es Bier und Wein – auch für Frauen.

Sulaymaniya ist Hochburg der PUK, der Patriotischen Union Kurdistan. Aus ihr kommt Dschala Talabani, der Staatspräsident des Iraks. Wir fahren in die Gheschaschule, eine Schule für Rückkehrerkinder aus Europa. Die Schüler hatten im vorigen Jahr den Wunsch geäußert, deutsche Kinder- und Jugendbücher zu bekommen. Sie wollen in der Sprache lesen, die sie „zuhause“ gelernt hatten. In unserem Gepäck sind 17 dicke Kartons voller Märchen, Sach- und Schulbücher, die Frauen in Dortmund gesammelt hatten. Das Fernsehen ist da, und eine wunderbare Aktion wird gestartet.

Die Kinder bilden eine lange Reihe vom Auto bis zur Schulaula und reichen die über 1200 Bücher von Hand zu Hand, um sie dann vor dem festlich geschmückten Podest in der Aula zu stapeln. Sofort stürzen sie sich auf den neuen Schatz. Anspannung und staunende Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben. So wertvoll können Bücher sein! Der Grundstock für eine deutsche Bibliothek in Sulaymaniya ist gelegt.

Der Rektor der Universität begrüßt uns im besten Oxfordenglisch. Er ist über unser Projekt informiert und stellt es in einen analytischen Rahmen der gegenwärtigen Situation von Kurdistan. Ihm ist es wichtig, die Brücken zu Europa zu stärken. Dafür können vor allem Universitäten und Journalisten beitragen. Warum eher Europa als Amerika, fragen wir ihn. Er erinnert an die zweimaligen Strategiewechsel der USA, die jedes Mal militärisch durchgesetzt worden seien, ohne die kulturellen und politischen Verhältnisse in dieser Region zu berücksichtigen. Einmal profitiert der Eine von den Amerikanern, ein anderes Mal der andere. „Wir sind dumm, wenn wir allein auf Amerika setzen.“ Er sagt aber auch, bezogen auf das Glück, das Husseinregime zerschlagen zu haben: „ Wir haben keinen Grund, uns zu schämen, den Amerikanern die Hand zu drücken. Aber bei aller Dankbarkeit wissen wir, dass wir uns auf diese Dankbarkeit nicht verlassen können.“ „Sagt uns eine Alternative,“ werde er oft von den Politikern aufgefordert. Er sei froh, am Beispiel des Projekts „freies Mediensystem“ Kurdistan auf eine solche Initiative verweisen zu können. „Der Schlüssel unserer Zukunft liegt in Europa.“

Er wünscht sich viele solcher Brücken, über die Kulturen und Traditionen im gegenseitigen Respekt ausgetauscht werden können. Die Kurdistani werden für ihre Errichtung liebend gerne alle Anstrengungen auf sich nehmen, wenn die Europäer es denn wollen. In der Zusammenarbeit mit Europa, so der Rektor, werden Ergebnisse einer Entwicklung attraktiv, die den Verlockungen von Nationalisten und religiösen Fundamentalisten entgegen wirken. Der ist mit vielen kurdischen Intellektuellen aus Europa überzeugt: Der Nordirak Kurdistan werde mit Europa seine Anziehungskraft auf den anarchischen übrigen Irak und auf die veralteten Machtstrukturen im weiten arabischen Raums nicht verfehlen.

Hintergrund

In die kleinen kurdischen Provinzen drängen seit 2003 Hundertausende kurdische Rückkehrer aus den irakischen Verbannungsgebieten. Aus Bagdad halten sich mittlerweile über 200.000 Flüchtlinge im Norden auf. Fast alle Christen aus Bagdad, deren Zahl in die Zehntausende geht, sind in die Provinzen übergesiedelt, weil sie hier einen Sicherheitsraum gefunden haben. Die Zahl der Kurden, die seit dem Krieg aus Europa nach Kurdistan zurück gekehrt sind, ist nicht bekannt. Sie gehen vor allem in die großen Städte Erbil, Sulymaniya und Dohuk. Nach Auskunft der Stadtverwaltung in Erbil betgrägt ihre Zahl etwa 50.000.