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Teil 8 - Krieg und Frieden in einem zerrissenen Land PDF Drucken

Hoch oben auf der Akropolis, dem Burgberg von Erbil, von wo aus der Blick über die Hochebene bis weit in die Ebene reicht, zu Füßen der enggassige und dicht gedrängte Basar begrenzt, ist es gespenstig still in der lebhaft geschäftigen Stadt, in der jeder Schritt sorgsam bewacht ist. Hier oben auf der 4000 Jahre alten Zitadelle liegt Frieden. Verlängert man die Linien am Ende des dunstigen Horizontes nach Süden über Kirkuk bis nach Bagdad, dann spürt man die Tragik der jüngsten Geschichte des Iraks bis in die Fingerspitzen.

In die wärmende Frühlingssonne schiebt sich der fröstelnde Gedanke, dass der Friede eine zwischenzeitige Laune des weiter schwelenden Krieges sein könnte. Man glaubt seine Botschaft zu hören und seine Unerbittlichkeit zu fühlen, sieht man den Irak als Ganzes und erinnert sich der Gespräche und Informationen, die all die Tage durchzogen. Von hier oben spannt sich der Bogen über ein dichtes Netz der Checkpoints bis zum nicht weit entfernten Bagdad. Ein Bogen voller blutiger Spuren der alltäglichen Kämpfe in den sunnitischen Gebiete des Zweistromlandes, die hoffnungslose Not der Menschen hervorbringen und sie wieder untereinander zerreißen.

Unklar bleibt auch jetzt, welcher Zukunft der Irak entgegentreibt. Hier oben ist Frieden, Sicherheit und eine demokratische Aufbruchstimmung, die aus den Herzen der Menschen kommt, in der die leidvolle Vergangenheit mit der Hoffnung verbunden ist, Anschluss an die westliche, vor allem auch an Europa zu finden. Manche träumen deshalb von einer Loslösung aus dem Irak und von einem eigenen Kurdenstaat, der die Nähe zur Europäischen Union suchen soll.

Das würde aufs Spiel setzen, was heute Gegenwart ist. Eine Loslösung aus dem Irak würde ein neues Pulverfass kriegerischer Katastrophen in der gesamten Region mit den Anrainern Türkei, Iran und Syrien begründen. So paradox es klingt, der kurdische Nordirak kann seinen Frieden gegenwärtig nur in dem geschundenen und mörderischen Gesamtirak bewahren. Was aber der Irak als Gesamtstaat sein kann, bleibt abhängig von der Entwicklung jenseits der kurdischen Autonomie im restlichen Irak, vor allem in den benachbarten sunnitischen Provinzen.

Dort zerfällt der Irak so nah im erweiterten Gesichtsfeld von hier oben auf dem Hügel von Erbil. Die Aufständischen mit ihren marodierenden Organisationen zersetzen die sunnitischen Gebiete mit Mord und Totschlag aber auch mit immer drängender vorgetragenen Machtansprüchen. Kürzlich verkündeten militante Kämpfer der Dschihadisten – eine Organisation aus dem Al Qaida Umfeld Usama Bin Ladens die „frohe Botschaft der Gründung eines islamischen Staates im Irak.“ Diese von vermummten Kämpfern vor laufenden Kameras vorgetragene Proklamation wurde mit Bildern marschierender Kämpfer begleitet, die durch sunnitische Städte paradierten. Mit anderen aufständischen Gruppen wollen sie im mittleren Irak ein „Islamisches Emirat“ einrichten.

Beobachter der Zustände im sunnitischen Irak behaupten, dass die Dschihadisten eine starke Konkurrenz in den Organisationen sunnitischer Nationalisten haben. Sie stammen vornehmlich aus der ehemaligen Armee von Saddam Hussein. Zu ihnen gehören Gruppen wie die „Islamische Armee im Irak“, die vor allem für ihre Entführungen berüchtigt ist. Sie wollen einen Irak verhindern, in dem Kurden und Schiiten das Sagen haben. Sie wollen einen sunnitischen Irak, notfalls auch ohne den Süden und Norden, aber sicher mit der Hauptstadt Bagdad.

Der Zerfalls des Iraks droht auch von Süden. Dort ist die Machtbasis der Schiiten, die mit ihrem Obersten Rat für die Islamische Revolution im Irak (Sciri) in den ölreichen Provinzen um Basra einen islamischen Gottesstaat nach iranischem Vorbild zu schaffen versuchen. Ihr Gegenspieler ist der schiitische Prediger Muqtada Sadr, der jeden Föderalismus im Irak ablehnt und einen schiitischen Einheitsstaat errichten will. Alle diese Gruppen konkurrieren um Macht, indem sie bewaffnete Organisationen um sich herum aufbauen. Viele Verbindungen dieser Organisationen reichen bis in die Zentralregierung in Bagdad.

Aus dieser vollständigen Zerrissenheit des Staates versucht der Nordirak sich heraus zu halten, ohne in die Rolle des Zerstörers der staatlichen Einheit des Iraks zu geraten. Mag sein, dass es diese Einheit eines Tages nicht mehr geben wird, dass aus Krieg und Bürgerkriegen neue politische und territoriale Strukturen in der Region entstehen. Die Amerikaner werden eines Tages das Land verlassen, ohne auch nur Spuren für eine verlässliche Zukunft gelegt zu haben. Das Bundesland Kurdistan versucht offensichtlich einen Weg, diese Zeiten durchzustehen, sich selber zu konsolidieren und abzuwarten, welche Optionen die Geschichte eröffnen wird. Die schlechteste Option jetzt wäre sicherlich, eigenmächtig den Irak zu verlassen. Das bestätigt auch jeder ernst zu nehmende Politiker.

Inmitten eines blutigen Prozesses, in dem die Demokratie im Gesamtirak keine Chancen hat, entstehen in Kurdistan, sicher langsam aber sehr zielstrebig, Strukturen eines zivilen Landes. Das sollte in Europa erkannt werden. Jetzt sind andere Hilfen und Projekte gefragt, als Waffen neu in Stellung zu bringen. Verbündete für die Entwicklung des demokratischen Prozesses gibt es in großer Zahl. Mit Soldaten ist dagegen keine Politik mehr zu machen oder nur eine verhängnisvolle. Die Demokratie im neuen Kurdistan ist das zukunftsträchtigste Projekt weit über den Irak hinaus. Seine Strahlkraft in die Breite der Regionen in nahen und mittleren Osten könnte viel weiter sein, als der Blick vom Hügel in Erbil erahnen kann.