„Die deutsche Politik läuft Gefahr, die Fehler zu wiederholen, die in anderen europäischen Ländern schon gemacht wurden“

In unserer Oktober-Videokonferenz zur Medienzukunft standen die Stärkung des Journalismus durch Innovationsförderung und die Idee einer Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus im Fokus.

Innovationen seien „kein Allheilmittel“ für den Journalismus, betont Christopher Buschow, Juniorprofessor für Organisation und vernetzte Medien im Fachbereich Medienmanagement der Bauhaus-Universität Weimar, aber der „krisenhafte Zustand“ des privatwirtschaftlichen Journalismus könne überwunden werden, indem Innovationen vorangetrieben würden.

Wie genau der Journalismus durch Innovationsförderung gestärkt werden kann, hat Buschow gemeinsam mit Christian-Mathias Wellbrock, Professor für Medien- und Technologiemanagement an der Universität zu Köln, in einem Gutachten zur Innovationslandschaft des Journalismus in Deutschland im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW festgehalten. In der Videokonferenz des Instituts für Journalistik zur Zukunft der Medien mit Teilnehmenden aus der Medienbranche sowie aus Politik, Stiftungen und Wissenschaft präsentierte Buschow die wichtigsten Eckdaten ihrer Bestandsanalyse der Innovationsfähigkeit des Journalismus in Deutschland.

Unter anderem stellten die beiden Medienwissenschaftler eine unzureichende Anschubfinanzierung journalistischer Innovationen fest, der einem Mangel an dauerhaft engagierten Finanziers bzw. an Budgets geschuldet sei. Zudem, so Buschow, behinderten rechtlich-administrative Vorgaben im Bereich Steuern und Regulierung Gründungsaktivitäten im Journalismus.

Buschow stellte in seinem Impuls die drei wichtigsten Handlungsempfehlungen heraus: Budgets für staatsferne, direkte finanzielle Unterstützung sollten aufgestockt und strukturierte Innovationsprogramme, die Neugründungen flexibel fördern und zugleich die Innovationsaktivitäten etablierter Medienunternehmen unterstützen, sollten bundesweit etabliert werden; um die Vernetzung unter den Akteuren und somit die Innovationsfähigkeit des deutschen Journalismus zu begünstigen, sollte die Kooperationsförderung vorangetrieben werden. Wichtig sei zudem die Weiterentwicklung innovationsbezogener Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Auf die Frage aus dem Plenum, welche Rückmeldungen die beiden Medienwissenschaftler zu ihrem Gutachten bekommen hätten, antwortete Buschow, dass sie zwar viel Feedback bekommen hätten, aber die Seite, die vorranging adressiert worden sei – die Medienpolitik – bislang  noch in keinen großen Dialog mit ihnen getreten sei.

Seine große Sorge: „Die deutsche Politik läuft Gefahr, die Fehler zu wiederholen, die in anderen europäischen Ländern schon gemacht wurden“, wie zum Beispiel in Österreich, wo die aktuelle „Corona-Sonderförderung“ vorwiegend die bestehende Auflage von Printtiteln belohnt. 

Es gebe aber durchaus europäische Länder, an denen man sich ein Beispiel nehmen könne, wie z.B. die Niederlande oder Großbritannien. Im Vergleich zu den bestehenden deutschen Initiativen wie dem Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW oder dem Medialab Bayern seien die dortigen Programme nicht nur primär regional ausgerichtet und zudem mit größeren Budgets ausgestattet.

Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus in Deutschland

Wie mühselig es sein könne, in Deutschland eine journalistische Innovation zu gründen, zeige das Beispiel des 2015 gegründeten Science Media Center (SMC), sagt Franco Zotta, Geschäftsführer der Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK).

Das SMC ist eine unabhängige und gemeinwohlorientierte Wissenschaftsredaktion, die Journalistinnen und Journalisten bei der Berichterstattung über Themen mit Wissenschaftsbezug unterstützt, indem sie Einschätzungen und Zitate zu tagesaktuellen Geschehnissen aus der Wissenschaft zur Verfügung stellt und zu Wissenschaftsthemen Hintergrundwissen bietet. Die Entstehung des Science Media Center geht auf eine Initiative der Wissenschafts-Pressekonferenz zurück. Die GmbH wurde 2015 mit Unterstützung der Klaus Tschira Stiftung gegründet, die Idee dazu sei aber schon, so Zotta, 2012 entstanden. Zwischen Idee und Gründung hätten er und seine Mitstreiter das Projekt aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen „mindestens zehnmal als zum Scheitern verurteilt gesehen“.

Ihre eigenen Erfahrungen hat die Initiatoren auf eine weitere Idee gebracht: eine durch staatliche Mittel finanzierte Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus in Deutschland. Um den Transformationsprozess im Wissenschaftsjournalismus zu gestalten, solle sie 10 Millionen Euro über 10 Jahre hinweg ausschütten. Gegründet werden solle sie als Verbrauchsstiftung, so dass ihr Vermögen – und nicht nur die Erträge – für Förderzwecke ausgegeben werden könne. Sobald ihr Vermögen aufgezehrt sei, ende die Stiftung.

„Viele Regionalzeitungen haben ihre Wissenschaftsredaktion stark abgebaut oder geschlossen“, sagt Zotta, „und der Erosionsprozess geht weiter.“ Mithilfe einer solchen Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus könnten schnell und unbürokratisch Ressourcen zur Verfügung gestellt und neue Projekte auch über einen längeren Zeitraum und nicht nur in der Gründungsphase gefördert werden – dies sei vor allem unter dem Aspekt, dass viele Neugründungen die ersten sechs bis sieben Jahre nicht überstehen, wichtig, sagt Zotta.

Finanziert werden soll die Stiftung vom Staat. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) habe zwar Interesse signalisiert, aber gleichzeitig einige Bedenken geäußert. Deshalb habe die WPK gemeinsam mit einer Anwaltskanzlei ein Eckpunktepapier entwickelt, das die Idee, die Organisationsstruktur und die Ziele der Stiftung beschreibt, und einen Verfassungsrechtler damit beauftragt, ein Gutachten zu erarbeiten, das zeige, dass nichts dagegen spreche, wenn der Staat den Wissenschaftsjournalismus fördere, erläutert der WPK-Geschäftsführer.

Anders als viele andere Länder habe Deutschland keine Erfahrung mit Innovationsförderung im Journalismus - eine Verbrauchsstiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus könnte deshalb „im Kleinen“ wertvolles praktisches Erfahrungswissen mit diesem neuen Förderinstrument sammeln und auswerten. „Das Feld des Wissenschaftsjournalismus eignet sich dafür hervorragend, weil es erstens überschaubar groß ist und deshalb tatsächlich durch gezielten Mitteleinsatz gefördert werden kann und zweitens weil Wissenschaft und Journalismus im §5 GG als besonders schützenswert hervorgehoben werden, so dass gerade eine - z.B. auch staatliche – Förderung von Journalismus über Wissenschaft gut hergeleitet werden kann“, betont Zotta abschließend.


Christopher Buschow (Foto: Matthias Eckert) und Franco Zotta (Foto: WPK)