„Wir haben den Kontakt zum Publikum ein Stück weit verloren“

In unserer April-Videokonferenz zur Medienzukunft hat sich unsere Runde mit der Qualität im Journalismus auseinandergesetzt. Ulrike Kaiser stellte die Initiative Qualität im Journalismus vor, Klaus-Dieter Altmeppen sah den Journalismus in seinen eigenen Strukturen gefangen und Günther Rager berichtete von seiner Qualitätsforschung.

In ihrem Impuls stellte Ulrike Kaiser die Arbeit der Initiative Qualität im Journalismus (IQ) vor. Die Hauptaufgabe sei es Qualität und Vielfalt der Medien zu sichern und zu fördern: Über beides werde im Moment viel diskutiert und beides sei aus ihrer Sicht in Gefahr. Die Anzeichen dafür gebe es schon länger, als die Initiative bestehe. Das solle jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Mediensystem in Deutschland im internationalen Vergleich noch relativ gut dastehe.

IQ stellt ein dezentrales Netzwerk zur Verfügung, um ein Forum zum Austausch, für Anregungen und Aktionen zur Qualitätsförderung zu ermöglichen. Der Journalismus beschwöre das Thema Qualität im Moment gebetsmühlenartig als Verkaufsargument und als Abgrenzung zur Beliebigkeit der Angebote auf digitalen Plattformen, so Kaiser. Das geschehe zwar zurecht, der Begriff werde aber auch missbraucht, um beispielsweise einen Personalabbau bei der Funke Mediengruppe zu begründen und Inhalte der Regenbogenpresse wie bei Burda zu präsentieren. „Dem Begriff Qualität droht dann die Beliebigkeit“, sagte Kaiser.

„Das kollegiale Gespräch kommt einfach zu kurz“


Ulrike KaiserIQ beschäftigt sich vor allem mit der Aus- und Weiterbildung von Journalistinnen und Journalisten, in der sie Qualitätsstandards lernen sollen. Sie plädierte dafür, Weiterbildung im Journalismus wie in anderen Zweigen als Teil der Unternehmenskultur zu sehen. Darüber hinaus gehe es darum, einen besseren gesellschaftlichen Diskurs darüber zu ermöglichen, wie Publikum und Journalismus wieder besser zueinander finden könnten und wie sich verhindern ließe, dass der Journalismus kaputtgespart werde. Kaiser stellte dar, dass es unter Journalistinnen und Journalisten zurzeit eine große Frustration gebe, da sie ihre Arbeit zunehmend als entwertet ansehen würden, gleichzeitig aber immer mehr von ihnen verlangt würde. Trotzdem müsste man auch selbstkritisch sein: „Wir haben den Kontakt zum Publikum ein Stück weit verloren und müssen transparenter werden“, so Kaiser.

Es sei problematisch, dass der Presserat ein jährlich steigendes Beschwerdeaufkommen verzeichne. Bei einigen Themen könne von systematischen Verletzungen des Pressekodex gesprochen werden, sagte Kaiser: Opferschutz, Persönlichkeitsrechte und Trennung von Werbung und Redaktion seien keine stabilen Normen mehr. Da spiele zum einen wirtschaftlicher Druck eine Rolle, aber auch, dass es kaum noch Möglichkeiten zur Produktkritik in den Redaktionen gebe. „Das kollegiale Gespräch kommt einfach zu kurz“, sagte Kaiser.

Aus Sicht von Klaus-Dieter Altmeppen, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist das Grundproblem des Journalismus, wenn es um die Qualitätsfrage geht, dass er in seinen eigenen Strukturen gefangen sei. Für ihn sind Qualität und Journalismus zum Teil unvereinbare Welten. Er begründete seine These damit, dass die Inhalte wegen ökonomischer Zwänge massentauglich ausgerichtet werden müssten. Gesellschaftlich relevante Inhalte spielten deshalb eine geringere Rolle. Darüber hinaus sei der Journalismus in seinen Strukturen gefangen, da er absolut an Nachrichtenfaktoren orientiert sei. Speziell Aktualität und Relevanz würden überhaupt nicht mehr hinterfragt: „Es wird über Corona berichtet, egal ob es überhaupt was zu berichten gibt“, so Altmeppen.

Wird Journalismus im Datenkosmos des Internets zur Nebensächlichkeit?

Prof. Dr. Klaus-Dieter AltmeppenJournalistische Basisqualifikationen wie Interview- und Recherchefähigkeit seien nur noch als Spurenelemente vorhanden und / oder würden nicht mehr nachgefragt. „Was denken Journalistinnen und Journalisten eigentlich darüber, dass Markus Lanz als der letzte kritische Nachfrager im Journalismus gefeiert wird“, fragte Altmeppen. Er lese Interviews mit dem ungarischen Außenminister, wo dieser Propaganda machen dürfe, ohne das kritische Nachfragen kämen. Schließlich werde Journalismus dadurch marginalisiert, dass er im Datenkosmos des Internets zur Nebensächlichkeit werde und er trage noch selbst dazu bei. So sei jedes Nachrichtenmedium auch auf Facebook vertreten. Er frage sich da, ob der Journalismus schon mal etwas von Wettbewerb mit den Datenkonzernen gehört habe.

Um mehr Qualität zu erreichen, braucht es aus Altmeppens Sicht sowohl mehr finanzielle als auch persönliche Ressourcen von Journalistinnen und Journalisten. Er forderte unter anderem mehr Haltung. Darüber hinaus müssten wieder mehr gesellschaftlich relevante Themen in den Vordergrund gerückt werden, die sich nicht nur mit dem Coronavirus beschäftigten. Außerdem sei es wichtig, den Nachrichtenfaktoren weniger Bedeutung beizumessen, bzw. diese anders zu gewichten und in der Bevölkerung ein besseres Bewusstsein für die Kosten des Journalismus und seine Qualität zu schaffen. Die Welt brauche den Journalismus jedenfalls immer weniger und das solle er langsam mal zur Kenntnis nehmen, damit er nicht noch weiter in die Bedeutungslosigkeit abdrifte, sagte Altmeppen.

Qualitätsmängel sind nichts Neues

Prof. Dr. Günther RagerGünther Rager, ehemaliger Professor für Journalistik an der TU Dortmund sagte in seinem Impuls, dass man mit einer pauschalen Sichtweise auf Qualität vorsichtig sein müsse, es gebe vielmehr eine große Bandbreite an Formaten unterschiedlicher Qualitäten im Journalismus. In seinem Impuls stellte er dar, wie er Qualität in seiner Zeit als Professor an der TU Dortmund messbar gemacht hat – und schon damals Qualitätsmängel aufgedeckt hat. In einer seiner ersten Arbeiten hat er sich in einer Inhaltsanalyse mit den Argumenten für und gegen den NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979 beschäftigt. Ein Teil der Analyse war zu untersuchen, wie viele der möglichen Argumente in der Berichterstattung vorkamen. Die meisten der Medien hätten gerade einmal drei von 20 möglichen Argumenten genannt, so Rager.

Darüber hinaus berichtete er von seiner Zusammenarbeit mit Lokal- und Regionalmedien im Rahmen des „Cockpit“-Forschungsprojekts, das er gemeinsam mit Bernd Weber, Geschäftsführer der Dortmunder mct Medienagentur, die Rager mitgegründet hat, und den Ruhr Nachrichten entwickelt hat. Bei „Cockpit“ handelt es sich um ein Instrument, das auf wissenschaftlicher Basis redaktionelle Qualität misst. Dabei werden vier Dimensionen untersucht und gewichtet: Relevanz, Aktualität, Richtigkeit und die Art der Vermittlung (z.B. Breite der Argumente und Anzahl der Quellen).  

In der anschließenden Diskussion fragte Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus und Geschäftsführer am IJ, Klaus-Dieter Altmeppen, ob es nicht sein könnte, dass seine Ausführungen zur Qualität bei den Journalistinnen und Journalisten auf Reaktanz stießen und sich deshalb nichts ändere. Altmeppen sagte, dass er genau diese Reaktanz hervorrufen wolle. Er gebe zu, dass seine Ausführungen an einigen Stellen etwas „undifferenziert“ gewesen seien, sein Ziel sei es aber gewesen, dadurch eine fruchtbare Diskussion zu ermöglichen. Er würde sich vor allem wünschen, dass speziell das Fernsehen mal darüber nachdenke, welche sozialen und psychologischen Folgen die immer gleichen Erzählungen über Corona auf die Gesellschaft hätten.

Wo ist das Standing und die Haltung?

Constantin Blaß, Journalist und ehemaliger Chefredakteur des Kölner Express, entgegnete, dass die Begründung dafür, dass so viel über Corona berichtet werde, darin liege, dass das gesellschaftliche Leben mit diesem Thema im Moment eng verknüpft sei und die Menschen deshalb darüber informiert sein wollten. „Die Frage ist, welches Medium kann es sich dann leisten, nicht darüber zu berichten?“

Helmut Hetzel, Ehrenpräsident der Vereinigung Europäischer Journalisten EJ, sagte, dass im Internetzeitalter im Grunde genommen jeder Journalistin und Journalist sein könne. Der große Unterschied sei das Thema Glaubwürdigkeit, die professionelle Journalistinnen und Journalisten auszeichnen solle. Er sei ein großer Befürworter der Trennung von Meinung und Bericht. Zudem sollten sich Interviewer keinen Bedingungen unterwerfen. Er kritisierte das Interview von Anne Will mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Will habe sich die Bedingungen vom Bundeskanzleramt vorgeben lassen. Als Journalist empfinde er eine solche Haltung als skandalös.


Bericht: Lukas Erbrich

 

 

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