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Mai Thi Nguyen-Kim: „Wissenschaftskommunikation ist wie eine Zwiebel“

Vor einem vollen Audimax gab die bekannte Wissenschaftsjournalistin und Moderatorin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Die Wissensmacher“ vergangenen Montag Einblicke in ihre Arbeit. Im Gespräch mit Carlotta Wagner und Prof. Holger Wormer vom Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus und dem Publikum ging es 90 Minuten lang um die Vermittlung komplexer wissenschaftlicher Themen zwischen Fernsehen und Social Media.

Bereits 2015 erklärte Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem YouTube-Kanal „The Secret Life of Scientists“ naturwissenschaftliche Themen für Laien. Ihr allererstes YouTube-Video, verrät sie im Gespräch mit Carlotta Wagner und Prof. Holger Wormer, sei aber ein Tanzvideo gewesen. Sie habe damals als Chemie-Doktorandin an einem Wettbewerb für Forschende teilgenommen und unter dem Titel „Dancing Drug Delivery“ ihre Forschungsergebnisse zu Wirkstofftransport „vertanzt“.  Mit dem Tanzen habe sie Erfahrung gehabt - sie errang 2009 mit ihrer Formationsstepptanz-Gruppe den Weltmeistertitel und unterrichtete während ihrer Zeit als Doktorandin an der RWTH Aachen Hip-Hop – aber sie habe erst einmal nachschauen müssen, wie man Videos schneidet, erzählt sie lachend im Audimax der TU Dortmund.

Ein Jahr später startete die promovierte Chemikerin ihren von funk produzierten YouTube-Kanal „schönschlau“. Was passiert, wenn Astronauten rülpsen, erklärte Mai Thi Nguyen-Kim dort in ihrem ersten Video auf amüsante und anschauliche Art und Weise. Seitdem ist viel passiert. Ihr YouTube-Kanal, der später in „maiLab“ umbenannt wurde und bis Anfang 2023 lief, wurde wahnsinnig erfolgreich und verzeichnete zuletzt knapp 1,5 Millionnen Abonnent:innen. Im WDR moderierte sie die Wissenschaftssendung „Quarks“, gehörte mit Harald Lesch zum Team von „Terra X Lesch & Co“ und seit 2021 moderiert sie auf ZDFneo „MaiThink X – die Show“. Ihre Bücher „Komisch, alles chemisch“ und „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ gelangten beide in die Spiegel-Bestsellerliste. Regelmäßig tritt sie für wissenschaftliche Aufklärung in Talkshows und Nachrichtenmagazinen auf. Für ihre Arbeit wurde Mai Thi Nguyen-Kim 2018 zur Wissenschaftsjournalistin des Jahres gewählt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, wie der Goldenen Kamera, dem Grimme Online Award und dem Bundesverdienstkreuz.

Auf die Frage von Prof. Wormer, wie strategisch sie ihre journalistische Karriere angegangen sei und den augenzwinkernden Hinweis, es gebe ja viele Wege in den Journalismus, wie zum Beispiel ein Volontariat in einer Redaktion oder ein Wissenschaftsjournalismus-Studium in Dortmund, antwortet sie scherzhaft: „Nach der Abgabe meiner Diss im Jahr 2016 dachte ich, ich mache mal ein Sabbatjahr – also ein Jahr YouTube für Funk - und dann muss ich ‚richtig‘ arbeiten gehen.“

Kritische Einordnung von Themen

Sie wollte Wissenschaft schon immer „lustig vermitteln“, sagt sie, und habe sich „sehr lange als Wissenschaftskommunikatorin verstanden“, die naturwissenschaftliche Themen „übersetzt“. Mit der Zeit sei ihr aber die kritische Einordnung von Themen und damit der Wissenschaftsjournalismus immer wichtiger geworden. Seitdem analysiert sie in ihren Videos und Sendungen auch aktuelle Streitfragen, wie zum Beispiel zu Homöopathie, zur Corona-Impfung oder zu Feinstaub.

„Wissenschaftskommunikation ist wie eine Zwiebel“, sagt Mai Thi Nguyen-Kim. Die äußerste Schicht seien kurze Videos auf Instagram oder Tiktok, die seien zwar „oberflächlich“, sorgten aber auch für „Aufmerksamkeit“ und seien „breit zugänglich“. Im Innersten der Zwiebel sei die originale, wissenschaftliche Veröffentlichung, die aber nur ganz wenigen Leuten zugänglich sei. Ihr Ziel sei es, Leute möglichst tief in die Zwiebel hineinzuziehen. „Die Leute sind dankbar, wenn es ein Inneres der Zwiebel gibt – das ist zumindest meine Hoffnung.“

Nach dem Gespräch mit Carlotta Wagner und Prof. Holger Wormer stellte sich Mai Thi Nguyen-Kim auch den Fragen des Publikums. Warum müsse Chemie-Unterricht in der Schule immer so langweilig sein? „Das weiß ich auch nicht“, antwortet Mai Thi Nguyen-Kim und fügt grinsend hinzu, „Chemie ist doch so alltagsnah und anschaulich – nicht so wie Physik oder Mathe“. Was ihr liebster Fun Fact sei? „Wombats kacken viereckig, haben aber keinen viereckigen Anus.“ Wie die Themenfindung für ihre Fernsehsendung ablaufe? „Ich diskutiere die Themen mit meinem Redaktionsteam – ich finde es gut, wenn es viel Redebedarf über ein Thema gibt und uns sind Beiträge wichtig, die zur Versachlichug einer wissenschaftlichen Diskussion beitragen.“ Und was in den vergangenen Jahren ihr wichtigstes Learning gewesen sei? „Während der Corona-Pandemie habe ich ziemich viel gelernt“, sagt sie. So sei sie erst gegen eine Impfpflicht gewesen, dann aber ins Überlegen und zu dem Schluss gekommen, dass eine Impfpflicht „das kleinste Übel“ sei und verweist auf ihr maiLab-Video „Impflicht ist OK“. Vor der Pandemie sei sie „naiver“ gewesen und habe gedacht, dass man „mit Rationalität weiter kommt“.

Über „Die Wissensmacher“

Die Gastvortragsreihe „Die Wissensmacher“ ist seit nunmehr 20 Jahren eine gemeinsame Veranstaltung des Bereichs Wissenschaftsjournalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund mit der Medizinischen Fakultät und dem Dezernat Hochschulkommunikation der Ruhr-Universität Bochum sowie dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Renommierte Wissenschaftsjournalist:innen sowie Expert:innen aus Pressestellen, Museen und der übrigen Wissenschaftskommunikation beantworten Fragen zu ihrem Arbeitsalltag, aktuellen Trends, Aufgaben und Herausforderungen. Zudem geben sie Einblicke in verschiedene Arbeitsfelder und die Praxis unterschiedlicher Medien. Studierende erfahren so alles über mögliche Berufsfelder und Forschende erhalten ein Grundverständnis für den Umgang mit Medien.

 

Mai Thi Nguyen-Kim im Gespräch mit Wissenschaftsjournalismus-Studentin Carlotta Wagner. Foto: Anna Klinge

Prof. Holger Wormer moderierte gemeinsam mit Carlotta Wagner das Gespräch. Foto: Anna Klinge

Vom Chemie-Unterricht über die Themenfindung in ihrer TV-Sendung bis zu Wombat-Kot: Mai Thi Nguyen-Kim stellte sich auch den Fragen des Publikums. Foto: Anna Klinge

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