"Für unsere pluralistische Gesellschaft und den demokratischen Diskurs bleiben unabhängige Journalist:innen und belastbare Fakten unverzichtbar."
Festrede von Prof. Christina Elmer, der geschäftsführenden Direktorin des Instituts für Journalistik – gehalten auf der Jubiläumsfeier des Instituts für Journalistik am 20. März 2026 in Dortmund.
[Auf der Bühne steht eine Schreibmaschine]
"Wer von Euch und Ihnen weiß noch, was es damit auf sich hat? Genau, eine Schreibmaschine, vielen Dank. Und wer hat mit so einer Schreibmaschine noch in der Lehrredaktion gearbeitet? Aha, immerhin einige wenige aus den ersten Jahrgängen.
Denn als es 1976 losging mit der Journalistik in Dortmund, als der wohlgemerkt erste Journalistik-Studiengang in der BRD hier den Lehrbetrieb aufnahm, da schrieben die Studierenden ihre Reportagen tatsächlich auf ganz ähnlichen Olympia-Reiseschreibmaschinen.
Der erste Jahrgang startete mit rund 50 Studienplätzen, auf die sich bereits sechsmal so viele Studieninteressierte beworben hatten. Damals war die praxisorientierte, hochschulgebundene Ausbildung von Journalist:innen ein ambitionierter Modellversuch. Heute ist sie fest etabliert – sowohl innerhalb der Universität, als auch in einem starken Netzwerk aus Medien- und Forschungspartnern, Alumni und Studierenden. Also aus Euch und Ihnen allen.
Es ist uns daher eine große Freude, heute gemeinsam den 50. Geburtstag der Journalistik in Dortmund zu feiern. An dieser Stelle vielen Dank für die wertschätzenden Grußworte, lieber Herr Liminiski, lieber Herr Bayer, liebe Frau Schafarczyk und liebe Frau Gövert! Besonders willkommen heißen möchte ich auch alle Ehemaligen, die das Institut maßgeblich mit aufgebaut und geprägt haben, so wie etwa Siegfried Weischenberg, Ulrich Pätzold, Horst Pöttker und Günther Rager – schön, Sie und Euch alle heute Abend hier zu sehen!
Zurück zu den Anfängen: Dass die Journalistenausbildung reformiert werden sollte, war in den 1970er-Jahren allgemein anerkannt – in der Politik wie auch in der Wissenschaft und den Verlagen. Dennoch war es ein echtes diplomatisches Kunststück, den Modellstudiengang hier in Dortmund zu realisieren. Denn wer an einer Hochschule Theorie und Praxis wirkungsvoll verzahnen will, muss Kompromisslinien finden – in diesem Fall zwischen Verlegern und Redaktionen einerseits, Forschenden und Hochschulgremien andererseits, und nicht zuletzt auch den Interessen der späteren Studierenden.
Das war wohl zu viel Neues – der erste Anlauf scheiterte: 1974 stimmten die Gremien der damaligen Universität Dortmund gegen die Idee, vor allem gegen die Mitgestaltung der Studieninhalte durch die Praxispartner. Wie aber gelang das Kunststück dann zwei Jahre später? Mit einem strategisch äußerst klugen Schachzug von Projektleiter Kurt Koszyk, damals noch Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Bochum, und Johannes Rau, damals Wissenschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam fanden sie eine neue Heimat für den Modellstudiengang: die Pädagogische Hochschule Ruhr, deren Dortmunder Abteilung gerade in den Neubau an der Emil-Figge-Straße 50, also in die EF50 umgezogen war.
1975 jedenfalls überzeugten Kurt Koszyk und seine Mitstreiter die Pädagogische Hochschule von der Sinnhaftigkeit des Studiengangs Journalistik.
Ein Erfolg auf Umwegen, übrigens auch für die Universität Dortmund, die die Pädagogische Hochschule wenige Jahre später eingliedern sollte. Und mit ihr natürlich auch die Journalistik.
Das Abenteuer des Modellversuchs begann an einem Montag: „Am 1. März 1976 um 9 Uhr“, so berichtet es Claus Eurich, „haben Siegfried Weischenberg und ich vormittags den Dienst in der bis dahin nur auf dem Papier stehenden Journalistik aufgenommen.“ Später kamen noch Frauke Höbermann, Wolfgang Donsbach und Gerd Würzberg hinzu – und natürlich Kurt Koszyk, der 1977 als erster Journalistikprofessor der Bundesrepublik vereidigt wurde. Die Integration von Theorie und Praxis war in der Dortmunder Journalistik von Beginn an substanziell, das Volontariat neben praktischen Seminaren fest im Studienverlauf verankert. Und in der Lehrredaktion warteten auf die Studierenden, ganz zeitgemäß: sechs Tonbandgeräte und eben 30 Olympia-Reiseschreibmaschinen. Ziemlich sicher wurde damals auch viel im Handbuch des öffentlichen Lebens recherchiert, im guten alten OECKL. Das Internet war schließlich noch Zukunftsmusik.
Es ist schlichtweg atemberaubend, wie sich das journalistische Handwerk seitdem entwickelt hat. Heute können unsere Studierenden mit ihren Smartphones Texte diktieren und transkribieren lassen, Social-Media-Beiträge aufnehmen und jederzeit auf digitalisiertes Wissen einer enormen Tiefe und Vielfalt zugreifen. Fundamental haben sich auch die Distribution und Rezeption journalistischer Beiträge verändert, ganz besonders in den hochdynamischen digitalen Informationsökosystemen. Diese Komplexität muss bewältigen können, wer heute mit verantwortungsvollem Journalismus durchdringen will – und das in einer Zeit multipler Krisen, polarisierter Debatten und KI-generierter Deepfakes. Eine extrem anspruchsvolle Aufgabe, für die Praxis ebenso wie für die Ausbildung.
Im Institut für Journalistik haben wir in den vergangenen 50 Jahren unser Curriculum fortlaufend weiterentwickelt.
Heute lernen Studierende für die Recherche auch digitalforensische Methoden und analysieren Datenquellen, für unsere Praxispartner entwickeln sie nutzerzentrierte Formate. Die Reflexion zu den Funktionen des Journalismus in der Demokratie gehört ebenso zum Studium wie die Berichterstattung über marginalisierte Gruppen und traumatisierende Inhalte. Wo immer es sinnvoll ist, holen wir zudem andere Fakultäten ins Boot, etwa die Statistik, Kunst, Architektur oder Informatik – von den vielen Zweitfächern ganz zu schweigen. Die interdisziplinären Seminare sind übrigens immer wieder echte Highlights – etwa, wenn Studierende in ihrer Präsentation ein vierstimmiges Chorstück vorsingen, das von einem KI-Sprachmodell komponiert wurde. Ehrlich gesagt kein Hörgenuss, aber dennoch unvergesslich.
In anderen Bereichen bleiben wir etwas bodenständiger – etwa bei den grundlegenden Studieninhalten zu nationalen und internationalen Mediensystemen, Medienrecht, Medienökonomie und empirischer Sozialforschung. Aber unser Lehrangebot musste sich zwangsläufig ausdifferenzieren. Denn es soll, so definieren es auch unsere Prüfungsordnungen, Studierende zu einer innovativen Tätigkeit im Journalismus befähigen, die den Stand der Forschung und die Entwicklungen in der Praxis berücksichtigt. Daher gibt es inzwischen auch nicht mehr nur die Journalistik, sondern zudem Studiengänge in den Feldern Wissenschaftsjournalismus, Wirtschaftspolitischer Journalismus und Musikjournalismus.
Natürlich stimmt der Blick in die redaktionellen Realitäten nicht immer optimistisch: Tragfähige Geschäftsmodelle sind rar, jüngere Mediennutzende schwer mit Informationen zu erreichen, Debatten werden oftmals polarisiert und teilweise komplett faktenfrei geführt. Umso dringender werden professionell ausgebildete Journalist:innen für demokratische Diskurse gebraucht – auch wenn das bedeutet, große Unsicherheiten auszuhalten.
Die gibt es natürlich auch bereits im Studium. Welche Fragen unsere Studierenden bewegen, können wir einmal pro Semester in einer anonymen Umfrage unseres Instituts nachlesen, im Stimmungsbarometer. Ein paar aktuelle Beispiele: Habe ich mich wirklich für den richtigen Weg entschieden? Ist die journalistische Arbeitsweise mit meinem Lebensentwurf kompatibel? Was kommt nach dem Volontariat? Und: Wie viel Stress ist angemessen? Antworten auf diese und viele, viele weitere Fragen können Studierende in Vorlesungen, Seminaren und in der Lehrredaktion finden, aber vor allem auch dazwischen, beim Gespräch auf dem Gang, in der Pause oder am Rande einer Exkursion. Daher ist es auch so unglaublich wichtig zu betonen:
Lehrpläne setzen wichtige Rahmenbedingungen, aber ein Institut gewinnt sein Profil erst durch die Menschen, die es am Laufen halten.
Daher gilt ein besonderer Dank an dieser Stelle unserem gesamten Team aus Lehrkräften und Mitarbeitenden, Promovierenden und Postdocs, Hilfskräften und Hochschullehrenden – und ganz bewusst auch allen Ehemaligen.
Dank Euch zählen wir heute mehr als 2000 Alumni und regelmäßig mehr Bewerbungen als Studienplätze, können moderne Lehrredaktionen und einen Lernsender betreiben und eröffnen bald ein neues TV-Studio. Dank Euch sind wir in der TU Dortmund fest verankert, hervorragend in der Medienpraxis vernetzt und können immer wieder Drittmittel für spannende Forschungsprojekte gewinnen.
Beste Voraussetzungen also, um die Zukunft des Journalismus aktiv mitzugestalten. Wie diese Zukunft aussieht, ist natürlich schwer vorherzusehen, doch drei Dinge erscheinen mir einigermaßen sicher:
Erstens: Für unsere pluralistische Gesellschaft und den demokratischen Diskurs bleiben unabhängige Journalist:innen und belastbare Fakten unverzichtbar.
Zweitens: Das Institut für Journalistik kann dafür zentrale Grundlagen vermitteln – sofern es so entwicklungsfreudig bleibt wie in den vergangenen 50 Jahren.
Und drittens: Unsere heutigen Smartphones werden in 50 Jahren vermutlich genauso alt aussehen wie diese formschöne Olympia-Schreibmaschine."
Foto: Julian Welz / TU Dortmund