Zur Startseite
Link zur Startseite der Technischen Universität Dortmund

"Das Experiment ist gelungen!"

Grußwort von Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen im Kabinett Wüst II und seit 2017 Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen – gehalten auf der Jubiläumsfeier des Instituts für Journalistik am 20. März 2026 in Dortmund.

"Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Bayer,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Gövert,
sehr geehrte Frau Schafarczyk,
sehr geehrte Frau Prof. Elmer,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Alumni,
liebe Studierende!

Herzlichen Glückwunsch zu 50 Jahren Journalistik-Studium an der TU Dortmund!

50 Jahre – das ist in der Medienwelt ein weiter Weg. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich nicht nur die technischen Mittel verändert haben, sondern die gesamte Öffentlichkeit. 1976 wurde anders recherchiert, anders geschrieben, anders gesendet, anders gelesen. Heute bewegen wir uns in einer Medienwelt, die in Echtzeit funktioniert, auf Daueransprache gestellt ist und in der jeder jederzeit Sender und Empfänger zugleich sein kann.

Ein Jubiläum ist immer ein schöner Anlass zum Rückblick. Aber dabei sollten wir nicht stehen bleiben. Es ist auch ein guter Moment, um über Gegenwart und Zukunft des Journalismus zu sprechen. Denn wir erleben einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit. Das Internet hat die Verfügbarkeit von Informationen radikal erweitert. Es hat Zugänge geöffnet, Hierarchien aufgebrochen, neue Stimmen sichtbar gemacht. Nie war es einfacher, Wissen abzurufen, sich einzubringen, sich zu vernetzen. Darin lag ein großes Versprechen: mehr Teilhabe, mehr Transparenz, mehr Demokratie. Und tatsächlich: Ein Teil dieses Versprechens hat sich erfüllt. Menschen können sich heute unmittelbarer äußern, Missstände benennen, Debatten anstoßen. Informationsmonopole sind schwächer geworden. Öffentlichkeit ist breiter, vielfältiger, durchlässiger. Aber wir sehen eben auch die andere Seite. 

Mehr Information bedeutet noch nicht mehr Orientierung. Mehr Reichweite bedeutet noch nicht mehr Verständigung. Mehr Beteiligung bedeutet noch nicht mehr Zusammenhalt. 

Im Gegenteil: Unsere Gesellschaft wirkt an vielen Stellen gereizter, unruhiger, anfälliger. Nicht, weil Krisen etwas Neues wären. Krisen hat es immer gegeben. Neu ist die Gleichzeitigkeit. Neu ist die permanente Zuspitzung. Neu ist die Unmittelbarkeit, mit der alles auf uns einprasselt.

Was früher nacheinander wahrgenommen und verarbeitet wurde, trifft heute gleichzeitig auf uns ein: Kriege, Krisen, Konflikte, Skandale, Empörung, Gegenempörung – im Sekundentakt, ohne Pause, oft ohne Einordnung. Das erzeugt nicht automatisch eine aufgeklärte Öffentlichkeit. Es erzeugt oft Überforderung. Und Überforderung hat Folgen. Wer sich dauerhaft überfordert fühlt, sucht nicht Weite, sondern Halt. Nicht Komplexität, sondern Vereinfachung. Nicht Widerspruch, sondern Bestätigung. Genau an diesem Punkt greifen die Mechanismen digitaler Plattformen. Sie belohnen Aufmerksamkeit, Zuspitzung und
Wiedererkennbarkeit. Sie zeigen uns bevorzugt das, was zu unseren bisherigen Überzeugungen, Interessen und Affekten passt.

So entstehen Resonanzräume, in denen sich Positionen verstärken, ohne noch ernsthaft geprüft zu werden. So verengen sich Debatten. So wachsen Misstrauen, Polarisierung und Abschottung. Das ist eine ernste Herausforderung für jede liberale Demokratie. Demokratie lebt von Streit – aber von Streit auf gemeinsamer Wirklichkeitsgrundlage. Wo diese Grundlage brüchig wird, gerät auch die Demokratie unter Druck.

Und genau deshalb ist Journalismus heute nicht weniger wichtig als früher, sondern wichtiger. 

Journalismus ordnet, prüft, gewichtet, trennt Relevantes vom Irrelevanten, Tatsachen von Behauptungen, Aufklärung von Aufgeregtheit. Er schafft nicht einfach nur Sichtbarkeit, sondern Verständlichkeit. Er produziert nicht bloß Reichweite, sondern Öffentlichkeit im eigentlichen Sinn. Deshalb ist es ein starkes Zeichen, dass junge Menschen sich auch heute bewusst für diesen Beruf entscheiden. Gerade hier bei uns in Nordrhein-Westfalen, dem großen Medienland mit der größten DJV-Mitgliederzahl von über 4.000 Journalistinnen und Journalisten. Sie entscheiden sich für einen Beruf, der nicht einfacher geworden ist, der unter ökonomischem Druck steht, dessen gesellschaftliche Bedeutung groß ist – und dessen Rahmenbedingungen zugleich schwieriger werden.

Wir kennen die Schlagzeilen. Wenn Verlagshäuser fusionieren, Standorte ausgedünnt und Redaktionen verkleinert werden, dann ist das nicht nur eine unternehmerische Nachricht. Dann geht es immer auch um publizistische Vielfalt. Dann geht es um die Breite von Stimmen, um regionale Verankerung, um demokratische Infrastruktur. Nicht nur als Medienminister erfüllt mich das mit Sorge. Umso wichtiger ist es, dass Institutionen wie die TU Dortmund seit fünf Jahrzehnten Menschen für diesen Beruf ausbilden – fundiert, praxisnah, verantwortungsbewusst.

Das Dortmunder Modell hat sich bewährt – so viel es auch zur Gründungszeit diskutiert wurde. Heute ist für alle klar: Das Experiment ist gelungen!

Mit der Mischung aus konkretem Handwerk und akademischem Überbau, die Sie hier erwerben, werden Sie gerüstet sein für die anstehenden Veränderungen. Es braucht professionelle Praxis und geistige Unabhängigkeit, technisches Können und Urteilskraft. Wer recherchieren, einordnen, zuspitzen und zugleich Maß halten kann, ist für eine Medienwelt im Wandel gut gerüstet.

Ich will auch medienpolitisch klar sagen: Journalistische Leistung muss weiterhin etwas wert sein. Und Medienunternehmen müssen wirtschaftlich
tragfähig arbeiten können. Ich werde deshalb nicht müde, beim Bund weiter für eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Print- und Digitalabos von derzeit 7 auf 0 Prozent zu kämpfen. In der Arbeitsgruppe Kultur und Medien für den Koalitionsvertrag vor einem Jahr waren wir in diesem Punkt erfolgreich, leider hat es dieser wichtige Satz nicht in die finale Version geschafft. Das ist also ein noch virulenter Auftrag an die Politik, an den Bund.

Und wir brauchen gerade im Bereich von Künstlicher Intelligenz und Urheberrecht klare Regeln, die Innovation ermöglichen, ohne geistige Leistung zu entwerten. Auch das Vorhaben einer Digitalabgabe zugunsten unseres Medienstandorts unterstützen wir. Ich habe dazu einen Vorschlag, abgeleitet aus dem
Medienkonzentrationsrecht, gemacht – die Diskussion gewinnt an Tempo und Konkretion. Wenn man die Sicherung der Medienvielfalt ernst nimmt, muss man die Plattformen daran finanziell beteiligen. Nordrhein-Westfalen bringt sich in diese Debatten aktiv ein.

Liebe Studierende, Sie haben sich für einen anspruchsvollen Weg entschieden. Nicht für einen Beruf, in den man zufällig gerät. Sondern für einen Beruf, der Genauigkeit, Belastbarkeit und Verantwortungsbewusstsein verlangt. Darin liegt ein ganz besonderes Berufs-Ethos. Ich habe das als Sohn eines Journalisten tagtäglich zu Hause miterlebt. Deshalb wissen Sie: In mir und in der Landesregierung haben Sie einen Verbündeten.

Und lassen Sie mich zum Schluss an den Gründungsvater dieses Instituts, Prof. Dr. Kurt Koszyk, erinnern. Für ihn stand fest: ohne Demokratie kein freier Journalismus. Ohne freien Journalismus keine Demokratie. Dieser Zusammenhang gilt. Arbeiten wir also weiter daran, dass beides stark bleibt: unsere Demokratie und der Journalismus, der sie trägt. 

Herzlichen Glückwunsch zu 50 Jahren Journalistik an der TU Dortmund. Und Ihnen allen einen schönen, festlichen Abend."

Wir verwenden Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige sind notwendig, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern.